Medien : Das Jahr des Fernsehspiels

Goldene Grimme-Preise für „Hierankl“, „Marias letzte Reise“ und „Polizeiruf“

Thomas Gehringer

Das ARD-Fernsehspiel erlebt goldene Zeiten. Dreimal werden in diesem Jahr Adolf- Grimme-Preise mit der Höchstauszeichnung „mit Gold“ vergeben – jeweils an drei Fernsehspiele, an denen der Bayerische Rundfunk beteiligt war. Rainer Kaufmanns Sterbedrama „Marias letzte Reise“, Hans Steinbichlers Erstlingsfilm „Hierankl“ und Dominik Grafs düsterer „Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“ mit Nina Kunzendorf sind die großen Gewinner des bedeutendsten deutschen Fernsehpreises. „Seit langem gab es nicht mehr ein so starkes Fernsehjahr“, sagte gestern Uwe Kammann, der Leiter des Grimme-Instituts, bei der Bekanntgabe der Preisträger. Besonders das Fernsehspiel habe ein Niveau erreicht, „das auch international seinesgleichen sucht“.

Die ARD-Reihe „Polizeiruf 110“ wird für ihren im Vergleich zum „Tatort“ häufig größeren Mut zu unkonventionellen Krimistoffen sogar mit einer zweiten Auszeichnung belohnt. Auch die Folge „Kleine Frau“ vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) erhält einen Grimme- Preis, wenn auch keinen goldenen. Das fünfte prämierte Fernsehspiel stammt vom ZDF: Gleich dreimal war Regisseur Matti Geschonneck nominiert, wenigstens für das Stasi-Journalisten-Drama „Die Nachrichten“ nach dem Buch von Alexander Osang reichte es. Besonderes Lob haben auch die schauspielerischen Leistungen verdient: Insgesamt werden zehn Darstellerinnen und Darsteller ausgezeichnet, darunter Johanna Wokalek, Barbara Sukowa, Josef Bierbichler und Monica Bleibtreu.

Fünf Grimme-Preise allein für Fernsehspiele, da blieb in der Kategorie „Fiktion und Unterhaltung“ nur noch Platz für ein einziges Unterhaltungs-Format. Was nicht weiter verwunderlich ist: „Es wird viel gelacht im deutschen Fernsehen, vielleicht nicht so sehr im Wohnzimmer, sondern künstlich aus der Konserve“, sagte Schauspieler Christoph Maria Herbst in Düsseldorf. Die Schwäche des Unterhaltungsfernsehens erklärte er mit zu wenig Risikobereitschaft in den Sendern. Mit der Pro7-Sitcom „Stromberg“, die bereits zum zweiten Mal nominiert worden war, kam er nun – neben der vielköpfigen und kreativen Autorenriege – zu seinem ersten Grimme-Preis. Es sollte der einzige bleiben für einen kommerziellen Sender. Dass auch „Stromberg“ auf eine BBC-Idee („The Office“) zurückgeht, kommentierte er launig: „Besser gut geklaut als schlecht erfunden.“

Unter sich blieben die öffentlich-rechtlichen Sender in den anderen Kategorien: Eine Art Hattrick gelang dem deutsch- französischen Kulturkanal Arte, der an allen drei in der Kategorie „Spezial“ prämierten Programmen beteiligt ist. Überragend war die Auswahl hier offenbar nicht: Als „einziges wirklich innovatives Format“ bezeichnete Jury-Vorsitzender Arnold Hohmann die Prominenten-Reihe „Durch die Nacht mit...“ (ZDF/Arte).

Die Grimme-Preis-Verleihung am 31. März in Marl wird so international wie selten geraten: Das von Arte France konzipierte Kulturmagazin „Karambolage“ ist ebenso unter den Preisträgern wie die grenzüberschreitenden Koproduktionen „FC Barcelona“ und „Why we fight – Die guten Kriege der USA“. Dieser Dokumentarfilm des Amerikaners Eugene Jarecki ist als einziger von fünf nominierten Beiträgen der ARD/WDR-Reihe „die story“ übrig geblieben. Prominenteste Preisträgerin ist hier ARD-Korrespondentin Annette Dittert, die für ihre vierteilige Reisereportage "Abenteuer Glück" ausgezeichnet wurde.

War es wirklich „ein so starkes Fernsehjahr", wie Uwe Kammann konstatierte? Dass 2005 mit Bundestagswahl und Gedenken an den 60. Jahrestag des Kriegsendes ein politisch und historisch bedeutsames Jahr war, schlug sich kaum in herausragenden Fernsehstoffen nieder. Die aktuelle Polit-Berichterstattung in der Primetime ging ebenso leer aus wie aufwändige Geschichtsdramen. Immerhin waren Anne Will für ihre „Tagesthemen“-Interviews und Heinrich Breloers ARD-Renommierstück „Speer und Er“ nominiert, doch sie wurden am Ende übergangen.

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