Medien : Das Leben ist ein Film

Seit 18 Jahren begleiten zwei Dokumentarfilmer Bewohner vom Bundesplatz in Berlin. Jetzt gibt es neue Folgen

Stefanie Flamm

Langzeitdokumentationen sind etwas ganz Besonderes im Fernsehen, sie geben dem wahrscheinlich kurzlebigsten aller Medien eine ganz ungewohnte Ruhe und Beharrlichkeit, weshalb das Fernsehen natürlich auch ganz besonders stolz darauf ist, sich ab und an solch einen verschwenderischen Luxus zu leisten. Auch „Berlin Ecke Bundesplatz“ – das westdeutsche Gegenstück zu den viel beachteten ostdeutschen „Kindern von Goltzow“ von Winfried und Barbara Junge –, brüstet sich, eine Herzensangelegenheit des ARD-Intendanten Fritz Pleitgen persönlich zu sein. Ursprünglich war das Unternehmen für gut 15 Jahre angelegt. Hans-Georg Ullrich und Detlev Gumm wollten die Anwohner des Berliner Bundesplatzes von 1986 bis „ins neue Jahrtausend“ begleiten. Die vier neuesten Folgen, die am heutigen Sonntag anlaufen, reichen jetzt schon bis ins Jahr 2003.

Seit Beginn der Dreharbeiten ist also viel passiert. Nach drei Jahren fiel die Mauer, zehn Jahre später zog die Bundesregierung nach Berlin, nach dem 11. September 2001 stand die Welt für ein paar Monate unter Narkose. Zwei der Protagonisten der ersten Staffeln sind mittlerweile verstorben: die noch im biblischen Alter putzwütige Ostpreußin Berta Tomaschefski und ein ehemaliger Schwerstalkoholiker, dessen Weg in die alte neue Bürgerlichkeit die Filmemacher mit sozialpädagogischer Empathie begleiteten. Der Aussteiger Franz, der 1986 noch knallrote Haare trug und tagsüber nur aus dem Haus ging, um die neueste Ausgabe der „Zitty“ zu verkaufen, hat eine Familie gegründet, eine Filmhochschule besucht und arbeitet nun für Ullrich und Gumm als Kameraassistent.

Ansonsten zeigt diese Langzeitdokumentation oft nur eins: Die Zeit ändert vor allem Haarfarbe und Frisuren der Menschen, gegen die Beharrungskräfte des Alltäglichen ist sie machtlos. Die Kinder von Marina Storbeck, die Fans der Reihe schon aus früheren Folgen kennen, bereiten sich darauf vor, wie ihre Mutter künftig Sozialhilfeempfänger zu werden, die Kinder der Sängerfamilie Köpke lernen ein Instrument. Auch der Bundesplatz scheint in den letzten Jahren keine großartigen urbanen Ambitionen entwickelt zu haben: Er ist noch immer eine ordentliche Wohngegend mit einer leichten Tendenz ins Kleinbürgerliche. Nachdem die Wohnungen in dem Gebäude, das die alte Frau Tomaschefski bis zu ihrem Tod 1993 als Hauswartsfrau beaufsichtigt hatte, verkauft worden waren, erhielten Gumm und Ullrich hier keine Drehgenehmigung mehr. Die neuen Besitzer wollen sich nicht auf den Küchentisch gucken lassen. Diejenigen, die schon länger dabei sind, sind meistens einfach nur älter geworden und auch genügsamer. Auch die beiden Filmemacher haben sich verändert und ein anderes Verständnis für Dramaturgie entwickelt. Sie kommentieren weniger als in den ersten Folgen, lassen Menschen und Bilder für sich sprechen. Ohne allzu oft die pennälerhafte Pose des allwissenden Erzählers einzunehmen, bilden sie ab, wie das Leben sich dem Ruhestand nähert, die Träume kleiner werden, der Rausch der Gefühle zur Routine erstarrt. In ihren besten Sequenzen hat „Berlin Ecke Bundesplatz“ deshalb etwas von einem erschütternden Entwicklungsroman.

„Alte Freunde“, die erste der vier neuen Folgen, erzählt die Geschichte der Eheleute Kaufmann und Rehbein. Herr Kaufmann ist Professor für Astrophysik, Herr Rehbein hat lange bei der BVG als U-Bahn-Abfertiger gearbeitet. Sie kennen sich seit mehr als 30 Jahren über die Kinder und haben im Schachspiel, im Pazifismus und bei gemeinsamen Spaziergängen eine eigenartige Form der ungleichen Freundschaft eher gefunden als gesucht. Es ist wie in einer Ehe: Man hat sich. Einmal, als Professor Kaufmann abends in seiner Sternwarte sitzt und das Universum betrachtet, wird er gefragt, ob er sich ein Leben ohne seine Frau vorstellen könne. „Es wäre schwieriger gewesen“, antwortet er. So klingt die große Liebe, 40 Jahre später.

„Berlin Ecke Bundesplatz“: Ostersonntag, 22 Uhr 15 , 3sat; 2.Teil am Ostermontag um 22 Uhr 20; 3. Teil und 4. Teil am kommenden Dienstag bzw. Mittwoch um 22 Uhr 25

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