Medien : Das Leben ist ein Gepäckband

Barbara Sichtermann

Das hat man sich ja schon öfters gefragt: Was ist eigentlich los in jenen Höhlen, aus denen am Flughafen beim Baggage-Claim die Fließbänder mit unserem Gepäck hervorrumpeln und in denen sie nach ihrer obligatorischen Schleife wieder verschwinden – manchmal mit einer geheimnisvollen Tasche drauf, die niemand haben will? Was verbirgt sich hinter den Absperrungen und in den Kellergewölben eines so gewaltigen internationalen Drehkreuzes wie dem Airport Frankfurt/Main? Nur nicht abgeholte Pakete, Ersatzteile und verschrottete Gabelstapler? Nicht auch – Menschen?

Ja, und Schicksale dazu, antwortet Veit Helmer, Filmemacher mit Auslandserfahrung, der diesmal einen Großflughafen als Schauplatz nutzt, um Geschichten zu erzählen, die keinen nationalen Boden mehr kennen und brauchen. Im Mittelpunkt steht die Inderin Nisha (Masumi Makhija). Sie putzt die Jumbos, träumt aber vom Fliegen in einer Stewardess-Uniform. Ihr begegnet der Gepäck-Sklave Alexej (Valera Nikolaev), ein Illegaler aus Russland, der Pilot werden will. Eigentlich war er entschlossen, dem unwürdigen Dasein eines versteckt lebenden Handlangers zu entfliehen. Aber seit er Nisha gesehen hat, weiß er, dass er bleiben muss – so lange, bis er mit ihr gemeinsam abheben kann. Natürlich kommt es noch zu allerhand Turbulenzen, bis das Paar glücklich in die Main-Metropole eintaucht, zumal Nisha ein Söhnchen hat, das aus dem fernen Indien herübergeholt werden muss, mit viel Geld und Risiko, und das dann erst mal in den Untiefen des Airports verloren geht.

In Helmers Film gibt es kaum mehr als zwei Figuren aus demselben Land. Gesichter, Sprachen und Herkünfte sind so vielfältig wie die Heimatflughäfen der Maschinen, die im Minutentakt über Frankfurt aufsteigen oder einschweben. Die „Schwebe“ ist auch das Schlüsselwort, das sich einstellt, wenn man die Stimmung dieses Films beschreiben will. Nisha, Alexej, ihre Kumpels und Kolleginnen, sind Migranten mit typischen und doch auch wieder einmaligen Unglückserfahrungen. Sie wollen oder können nicht zurück, sie hoffen auf legale Aufnahme in Germany und auf mehr: eine Zukunft. Solche Thematik ist ernst, ist deprimierend, wenn sich erweist, dass das Gastland wenig großzügig ist. Veit Helmer mogelt die Härten nicht weg, die seine Protagonisten auszustehen haben, aber er hat dennoch eine Komödie gedreht, einen heiteren Film mit Märchen-Touch. Dabei inszeniert er die zarte Nisha mit Bollywood-Sequenzen, und er lässt den melancholischen Alexej einen russischen Springtanz vollführen. Bei aller Internationalität darf doch die Folklore nicht fehlen, und alle Träume vom Fliegen behalten ihre Erdungen in verschiedenen genau charakterisierten Weltgegenden. Das bizarre Niemandsland des Großflughafens mit seinem brausenden, hastenden, stockenden Leben erweist sich als ideale Bühne für einen ersten Versuch, die viel zitierte und viel verfluchte Globalisierung mit einer freundlichen Fabel zu entdämonisieren. Helmer macht es auf die versöhnliche Tour. Er weckt die Illusion, als sei Multikulti doch nicht nur ein Irrläufer gewesen, als gäbe es das zu guter Letzt: dass die Menschen sich verstehen und einigen in ihrem Bestreben, nicht nur den Himmel in Sicherheit zu befahren, sondern auch die Erde in Frieden zu bewohnen.

Bei allem Ehrgeiz, eine internationale Komödie mit Märchen-Touch zu inszenieren, vergisst Helmer nicht, eine spannende Geschichte zu erzählen, die zwar immer wieder ins Surreale abhebt, dann aber doch in schlüssiger Entwicklung fortfährt. Seine „Guten“ sind allzu menschlich, seine „Bösen“ glücklicherweise nicht allzu teuflisch. Der Flughafen-Manager (Udo Kier), der die schöne Nisha für sich will, lässt sich dann doch beeindrucken.

„Tor zum Himmel“; Arte, 20 Uhr 40

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben