Medien : Das Leid der Frauen – „Feuertod“ in Afghanistan

Thomas Gehringer

Gibt es Hoffnung für Afghanistan? Die Nachrichtenbilder von Anschlägen und makabren Soldatenspielen verheißen nichts Gutes, und Berichte aus dem Inneren des Landes sind rar. Die wenigen, wie die Dokumentation „Feuertod“ von Antonia Rados, sind deshalb umso bedeutsamer. Die RTL-Korrespondentin erzählt von der 20-jährigen Gololai, die sich im Haus der Familie ihres Ehemannes mit Benzin übergossen und angezündet hat. Erst Stunden später bringt man sie mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus. Das ist kein Einzelschicksal in Herat im Südwesten Afghanistans: Nach offiziellen Angaben verbrennen sich allein in dieser Stadt jährlich 200 zwangsverheiratete Frauen selbst, etwa die Hälfte von ihnen stirbt.

Rados drehte am Tag der Einlieferung Gololais im Krankenhaus von Herat. Ihr Interesse erlahmte nicht nach einem Blitzbesuch. Die für ihre Berichte vom Irakkrieg ausgezeichnete Journalistin schildert das weitere Schicksal Gololais und der mit ihrem Unglück verbundenen beiden Familien. Wenn Besuchszeit ist, stehen sie um das Bett herum und streiten, wer schuld sei. Der Ehemann wurde verhaftet, Mutter und Bruder bezichtigen außerdem die Schwiegereltern, Gololai misshandelt zu haben. Die wiederum verweisen darauf, dass der Bruder die 3000 Dollar Brautgeld für Gololai ganz gerne eingesteckt habe. Vom Geld kaufte der Bruder ein Haus – und eine eigene Frau. Jetzt hat er einen Kredit aufgenommen, um Medikamente für Gololais Behandlung zu bezahlen.

Es ist eine bedrückende Innenansicht eines islamischen Landes, das nach der Taliban-Herrschaft erst kleine Schritte zurück in die Zivilisation getan hat. Es gibt auch Augenblicke der Hoffnung: Eine Frau, die vor fünf Monaten wegen einer Selbstverbrennung eingeliefert wurde, wirkt bei ihrem Besuch glücklich. Im lokalen Fernsehen läuft eine Kampagne gegen Selbstverbrennungen, beinahe jede betroffene Frau wird im Krankenhaus besucht und öffentlich vorgestellt. Was das für die Familien bedeutet, hätte man gerne gewusst. Antonia Rados recherchiert ansonsten gründlich, spricht mit Angehörigen, darf sogar bei dem Verhör des Ehemannes durch eine Richterin und einen Richter filmen. Sie beobachtet genau, kommentiert weitgehend zurückhaltend – ein solides Stück TV-Journalismus an einem schwierigen Ort. RTL, im Doku-Bereich selten aktiv, sollte sich mehr davon trauen.

„Feuertod“; RTL, 22 Uhr 15

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