Das letzte Gespräch : ARD dokumentiert Ignatz Bubis Interview mit dem "Stern"

Zornworte, Lebenssplitter: Eine ARD-Doku erinnert an das Vermächtnis von Ignatz Bubis und sein letztes großes Interview wenige Wochen vor seinem Tod.

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Ignatz Bubis.
Ignatz Bubis.Foto: dpa

„Ich habe nichts erreicht“, lautete das bittere Fazit, das Ignatz Bubis nur wenige Wochen vor seinem Tod im Interview mit dem „Stern“ zog. Was hatte er nicht erreicht, was gewollt und erhofft? Eine ARD-Dokumentation (Autorin: Johanna Behre, Regisseur: Andreas Morell) will darauf eine Antwort geben. Im Zentrum steht das erwähnte, in einer Studioinszenierung nachgestellte Gespräch aus dem Jahr 1999. Udo Samel erfüllt die nicht einfache Aufgabe, den rhetorischen Stil des damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland nachzuformen. Dazu kommen einschlägige Archivaufnahmen, die den Zorn von Ignatz Bubis auf die Gleichgültigen und Geschichtsvergessenen in Erinnerung ruft, Statements von Weggefährten und der in Israel lebenden Tochter Naomi.

„Eine Lichtgestalt“ nennt Salomon Korn den langjährigen Freund, der im November 1992 den Tatort ausländerfeindlicher Gewalt in Rostock-Lichtenhagen besuchte, bestürzt und erregt über das, was hier osteuropäischen und vietnamesischen Zuwanderern geschah. Bubis, 1927 in Breslau geboren und 1945 aus dem Außenlager Tschenstochau befreit, hatte eine eigene, schmerzliche Beziehung zur östlichen Region. Auschwitz, Majdanek, Solibor – er kannte die Mordstätten für Millionen Menschen jüdischen Glaubens. Hier kamen alle Angehörigen seiner Familie um, und noch im Interview fragt er sich: Warum habe ich, der Sohn, den Vater nicht auf der Deportation nach Treblinka begleitet?

Der Blick nach hinten

Alle Anzeichen der Verdrängung der Vergangenheit und die daraus resultierende Gefahr neuer Gewalt gegen Minderheiten, Andersdenkende und Andersgläubige haben ihn zum Mahner werden lassen. Abwehr und Bestürzung stehen in seinem Gesicht, als Martin Walser in seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche Oktober 1998 vermeintlich einen Schlussstrich unter die ständige Erinnerung an die deutsche Schuld empfiehlt. „Ohne den Blick nach hinten geht es nicht“, sagt Bubis, trifft sich aber später mit dem erschrockenen Walser zu einem klärenden Gespräch. Welche gravierende Dummheit noch immer das nationale schlechte Gewissen erzeugen konnte, bewies die Frage eines CDU-Bürgerschaftsvertreters in Rostock, der Bubis mit Unschuldsmiene fragte, ob die Heimat von ihm nicht Israel sei. Ignatz Bubis, seit 1956 in Frankfurt am Main ansässig, sah sich nie anders als „ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“.

Wie sich Bubis zum Zustrom der vielen arabischen Flüchtlinge stellen würde, muss Spekulation bleiben, auch wenn die ARD die Doku gewiss nicht ohne aktuellen Hintergedanken in Auftrag gab. Zu Recht. Denn Gewalt gegen Fremde war Ignatz Bubis unter allen Umständen die schlechteste Option. Gerade dazu neigen die Deutschen, so eine seiner bedenkenswerten Thesen, weil sie geliebt werden wollen – wie die Juden auch, fügte er, ohne Lächeln, hinzu.Hans-Jörg Rother

„Bubis – Das letzte Gespräch“. ARD, Montag, 23 Uhr 30

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