Medien : Das Medienbild vom Juden

Diskussion mit Daniel Cohn-Bendit, Friedman und Wolfssohn

Ist die öffentliche Wahrnehmung eines Juden eine andere als die eines Christen, eines Moslem oder eines Hindu? Und warum gibt es „berühmte jüdische Geiger“, aber keine berühmten christlichen Geiger? Vor den Phoenix-Kameras im Sabine-Christiansen- Studio sitzen Anetta Kahane und Daniel Cohn-Bendit, beide sehr rothaarig und sommersprossig. Jüdisch? „Der öffentliche Jude“ – das Thema will provozieren.

Viele sagen, Jüdisch-Sein ist Religiös-Sein. Aber sowohl der in Frankreich geborene Daniel Cohn-Bendit als auch Anetta Kahane aus der Ex-DDR verteidigen das Menschenrecht auf Atheismus, nur ihre Namen verraten noch die rabbinischen Vorfahren. Cohn- Bendit sagt, solange es Antisemitismus gäbe, sei er Jude, und Anetta Kahane hat das Judentum immer schon als humanistischen Auftrag empfunden.

Michael Wolfssohn, in Tel Aviv aufgewachsen, schaut zweifelnd auf die rothaarige Gottesfernen-Fraktion ihm gegenüber. Der Historiker findet, dass man auch partikular-jüdisch und zugleich weltoffen-universalistisch sein könne und nennt diese Daseinsform „gelebtes Selbst“. Michel Friedman, wie Cohn-Bendit in Frankreich geboren, aber eher unlinks, sympathisiert mit Michael Wolfssohns „gelebtem Selbst“, glaubt aber, dass man das noch vereinfachen könne: „Ich bin ein Mensch.“ Punkt. Schluss. Aus.

Er habe eine Identität, und die anderen müssten damit klarkommen. Das war schon so, als er zu Beginn seiner politischen Karriere als Schulsprecher fünf Jahre lang um einen Cola-Automaten an seiner Schule gekämpft habe.

Ex-Schulsprecher Cohn-Bendit wirft ein, dass er auch damals schon politisch gekämpft habe: für einen Verhütungsmittelautomaten an der Schule. Er habe allerdings verloren. Wolfssohn äußert Zweifel an der Formel „Ich bin ein Mensch und die anderen müssen damit klarkommen“, denn, sagt der Historiker, der Akteur einer Minderheit wird mit der Minderheit identifiziert und über ihn wiederum die Minderheit. Michel Friedman hat jetzt einen widerständlerischen Ich-identifiziere-mich-nur-mit-mir-Blick, da kommt es zu einer Solidarisierung der beiden Schulsprecher: Michel hat recht, Fremdsicht ist nicht unser Problem.

Soll uns interessieren, mit was ein Möllemann oder Westerwelle etwa Michel Friedman identifiziert? Oder mit was die Leserbriefschreiber ihn identifizieren, die nach „Vorsicht Friedman!“ finden, er solle doch nach Hause gehen? – Friedman hat noch nie die Menschen verstanden, die ihm sagen, bei ihm zu Hause scheine immer die Sonne. Nein, antwortet er dann, bei mir zu Hause regnet es. Alle nicken solidarisch, obgleich nicht aus Niederschlags-Enthusiasmus. – Aber wenn es einmal ganz schlimm kommen würde, will Moderatorin Esther Schapira wissen, würden Sie dann nicht doch nach Israel…? – Nee, sagt Cohn-Bendit, nach New York. Er sei auch ein energischer Vertreter der Idee des Judentums in der Diaspora.

„Was mir tierisch auf den Keks geht, ist, dass ich überall als Sonderbotschafter des Staates Israel wahrgenommen werde“, sagt der Sonderbotschafter seiner selbst, Michel Friedman. Allerdings sei der Grundkonsens dieses Landes, das „Wehret den Anfängen!“ außer Kraft gesetzt.

Überall Anfänge. Anetta Kahane weiß von einer neuen Studie, nach der achtzig Prozent der Deutschen einem deutschen Le Pen zustimmen würden. Wolfssohn, Friedman und Cohn-Bendit bleiben skeptisch und beharren auf einer „Grundgesundheit“ dieser Gesellschaft. Sie vertrauen ihr noch – und dem eigenen Man-selbst-Sein. Die Frage, warum es „berühmte jüdische Geiger", aber keine berühmten christlichen Geiger gibt, haben sie vergessen. Kerstin Decker

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