"Das Muli" : Der neue "Tatort" zeigt ein erbarmungsloses Berlin

Nichts für Zartbesaitete: Der neue „Tatort“ aus Berlin zeigt die Hauptstadt von ihrer harten Seite. Und lässt das Profil der Ermittler Mark Waschke und Meret Becker noch ein wenig im Dunkeln.

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Die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) in ihrem ersten „Tatort“-Einsatz.
Die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) in ihrem ersten „Tatort“-Einsatz.Foto: RBB

Glasiger Blick, grellgrüner Lidschatten, verschwitzte Haare. Es ist das Ende einer durchtanzten Nacht – Kommissarin Nina Rubin steht auf der Toilette eines Berliner Nachtclubs, trägt vor dem Spiegel neue Wimperntusche auf und zupft sich langsam die Haare zurecht. Sie verlässt mit schwingenden Hüften den Club, gefolgt von einem jüngeren Mann. Was dann passiert, erinnert an eine Vergewaltigung, ist jedoch – und das versteht der Zuschauer nach einigen Momenten – von den beiden so geplant.

Der neue „Tatort“ aus Berlin verschwendet keine Zeit. Während Nina Rubin vom Berliner Nachtleben verschluckt wird, stolpert am Kurfürstendamm die blutverschmierte Johanna durch die Dunkelheit, schluchzend und verwirrt. Der erste Reflex: Lieber nicht wissen, was ihr passiert ist. In weniger als zwei Minuten wird klar, dass das ein „Tatort“ der harten Sorte ist. Einer, der dem Zuschauer viel zumutet.

Mit Spannung erwartet wurde der „Tatort“ mit dem kryptischen Titel „Das Muli“ vor allem deshalb, weil es der erste ohne die Kommissare Ritter und Stark ist, die in Berlin 15 Jahre lang ermittelt haben. Der RBB wollte ein neues Konzept, vielschichtige Charaktere mit persönlichen Abgründen. Das ist zwar nicht einzigartig innerhalb der ARD, gelingt dem neuen Berliner „Tatort“ bei seinen beiden Ermittlern Nina Rubin und Robert Karow aber erstaunlich gut. Gespielt von Meret Becker und Mark Waschke wirken die beiden Großstadtkommissare authentisch – Drehbuchautor Stefan Kolditz hat sich sehr genau überlegt, wie sich die Figuren entwickeln sollen. Auch deshalb ist dieser „Tatort“ kein klassischer „Who done it?“-Krimi.

„Wollten Sie nicht erst in zwei Tagen kommen?“

Am Tatort, dem blutverschmierten Badezimmer einer Ferienwohnung, fehlt von der Leiche jede Spur. Hier treffen Robert Karow und Nina Rubin zum ersten Mal aufeinander. Die Begrüßung fällt denkbar unterkühlt aus: „Wollten Sie nicht erst in zwei Tagen kommen?“, sind die ersten Worte, die Rubin an ihren neuen Kollegen richtet. „Überraschung“, entgegnet er trocken. Den ersten Machtkampf entscheidet Rubin aber wenig später für sich, als Karow ihre Expertise anzweifelt. „Ick arbeite jetzt seit sechs Jahren in der Mordkomission. Wie lange Sie?“ Er setzt an: „Ich hab vorher schon einige...“ – „Wie lange?“ Karow schaut auf die Uhr. „Zwei Stunden, 16 Minuten.“

Karow vermutet schnell, dass es sich um einen Fall aus der Drogenszene handelt. Währendessen ist Rubin damit beschäftigt, in Karows Vergangenheit zu graben. Es geht um den Tod eines ehemaligen Ermittlungspartners von Karow aus dessen Zeit bei der Drogenfahndung. „Zwischen den Kommissaren herrscht am Anfang großes Misstrauen. Sie spioniert ihm hinterher – und er weiß es“, sagt Stefan Kolditz.

Nächtliche Stadtansichten im Zeitraffer

Bald überschlagen sich die Ereignisse: Das Mädchen Johanna und ihr Bruder Ronny, der aus einer geschlossenen Einrichtung für straffällige Jugendliche ausgebrochen ist, sind auf der Flucht vor brutalen Verfolgern. Die beiden Jugendlichen verstecken sich auf dem Gelände des leer stehenden BER. Dort kommt es zum Showdown.

Dass dem Zuschauer die Kulisse fast in jeder Szene vertraut ist – kein Zufall. Ob BER, Bahnhof Zoo, Spreepark oder Kurfürstendamm: Berlin soll im neuen „Tatort“ die dritte Hauptrolle spielen, so die Prämisse des RBB. Immer wieder sind nächtliche Stadtansichten im Zeitraffer zu sehen. Damit kann der „Tatort“ sicherlich auch außerhalb der Hauptstadt punkten. „Berlin wird ja seit Jahren unglaublich gehyped. Aber eine Postkartenseite der Stadt gibt es nicht“, sagt RBB-Filmchefin Cooky Ziesche. Auch nach einem mustergültig geordneten Kommissariat hält man in diesem „Tatort“ vergebens Ausschau. Die Mitarbeiter von Karow und Rubin arbeiten in einem wuseligen Großraumbüro. „Wir haben uns überlegt, wie ein modernes Kommissariat von der Temperatur einer Großstadt her aussehen kann“, so Ziesche.

Ist es legitim, ein einzelnes Leben zu opfern?

Die Macher haben sich viel vorgenommen. Das Geheimnis um Robert Karow und seinen ehemaligen Ermittlungspartner ist ein Fall im Fall, die Horizontale im Krimi. Diese Geschichte soll sich über vier Folgen ziehen, während die Kommissare noch einen Fall zu lösen haben. Das ist ähnlich ambitioniert wie beim Dortmunder „Tatort“ mit dem exzentrischen Kommissar Peter Faber, gespielt von Jörg Hartmann. Über mehrere Folgen hinweg sucht Faber dort nach den Tätern, die für den Tod seiner Frau und seines Kindes verantwortlich sind.

Im neuen Berliner „Tatort“ müssen die kommenden Filme aber nicht nur auf der horizontalen Ebene erzählt werden. Auch die Abgründe der Kommissare, die in „Das Muli“ nur angerissen werden, sollten die Macher weiter ausbauen. Die Aufmerksamkeit des Zuschauers haben sie jetzt. Er will nun wissen, wie es mit Nina Rubin weitergeht, bei der nach der durchtanzten Nacht der Mann ausgezogen ist und der Sohn rebelliert. Und welche mysteriösen Verbindungen hat Karow zur Berliner Unterwelt? Der lässige Kommissar – laut Ziesche angelegt als „sympathisches Arschloch“ – weiß jedenfalls immer verdächtig gut Bescheid über die künftigen Ermittlungsergebnisse. Meist gibt er sich aber barsch und verschlossen. Den Tatort untersucht er akribisch, mit ausdruckslosem Gesicht und lässt unauffällig ein Beweisstück mitgehen.

Am Ende: ein kleines Lächeln

Beim Lösen des von Regisseur Stephan Wagner souverän inszenierten Falls geraten Nina Rubin und Robert Karow immer wieder aneinander. Sie haben unterschiedliche Ziele. Damit wirft Autor Kolditz eine gewichtige Frage auf: Ist es legitim, ein einzelnes Leben zu opfern, um ein Netz organisierter Kriminalität zu zerschlagen? Oder zählt jedes Schicksal?

Bei aller Ernsthaftigkeit gibt es in diesem „Tatort“ Gelegenheit zum Schmunzeln. Die Hospitantin Anna (Carolyn Genzkow), die von Karow ständig von oben herab behandelt wird, hat es faustdick hinter den Ohren. Sie kommt von einer Recherche zurück, für die Karow ihr sein Auto geliehen hat. „Ist noch was?“, fragt er sie. Sie schaut betreten. Er fragt: „Der Wagen? „Ach ja, das wollt' ich Ihnen noch sagen. Die rechte Tür…“ Sie zögert. „…klemmt.“ Da muss selbst Karow lachen. Und am Ende hat er für seine Kollegin Nina Rubin auch ein Lächeln übrig – ein ganz kleines.

„Tatort: Das Muli“, ARD, Sonntag um 20 Uhr 15

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