Das Netz im Jahr 2012 : "Es wird heiß"

Der Blogger und Internetskeptiker Evgeny Morozow prognostiziert für 2012 neue Allianzen im Kampf um die Internetfreiheit.

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Herr Morozow, was sagen Sie dem Netz für das Jahr 2012 voraus?

Ich erwarte eine neue Debatte um das Teilen von Informationen in sozialen Netzwerken. Ich glaube, die Debatte wird in Zukunft stärker kulturell geprägt sein. Wir werden uns fragen, ob es wirklich gut ist, so viele Informationen ins Netz zu stellen und was daraus für unsere Gesellschaft folgt.

Wer wird das Jahr gewinnen, die Datenschützer oder die, die das Prinzip Privatsphäre für überholt halten?

Der Kampf um die Privatsphäre ist keine Weltmeisterschaft, einen klaren Sieger wird es nie geben.

Anders gefragt: Wird es ein gutes Jahr für die Verteidiger der Privatsphäre?

Ich glaube, dass die gesamte nächste Dekade keine besonders gute für die Verteidiger der Privatsphäre wird. Aber es werden sich neue Allianzen bilden. Viele Leute machen sich Sorgen um das personalisierte Internet, das uns aufgrund der Daten, die die sozialen Netzwerke über uns sammeln, nur noch das anzeigt, wofür wir uns interessieren. Die Gruppen, die darin eine Gefahr sehen, werden mit den klassischen Datenschützern Allianzen bilden. Ich sehe aber keinen theatralischen Wandel im nächsten Jahr, auch wenn ich mir das wünschen würde.

2011 war das Jahr der „Twitter-Revolution“ in der arabischen Welt. Wie wird es weitergehen?

2012 wird das Jahr, in dem autoritäre Regime, Regierungshacker und Technologiefirmen die Lehren aus dem Arabischen Frühling ziehen werden. Die Regime werden zurückschlagen, sie haben bereits begonnen, in Überwachungstechnologien zu investieren. Aber auch die Gegenseite wird sich weiter politisieren, Netzwerke wie Anonymous werden bedeutender werden. Ich glaube übrigens, dass sich auch Wikileaks von einer Enthüllungsplattform zu einer politischen Gruppierung wandeln wird. Es wird auf jeden Fall ein heißes Jahr.

Glauben Sie, die westlichen Regierungen werden den Export von Überwachungstechnologien stärker kontrollieren?

Es gibt Bestrebungen in diese Richtung, allerdings kaum von Seiten der Regierungen, sondern von Nichtregierungsorganisationen und Netzaktivisten. Wir sehen im Gegenteil gerade in vielen westlichen Ländern, dass sie selbst Gesetze erlassen, die die Internetfreiheit einschränken. Das geschieht meist, weil man Cyberkriminalität und Urheberrechtsverletzungen eindämmen will, wir müssen das trotzdem kritisch beobachten.

Evgeny Morozow ist Journalist und Wissenschaftler. Er lehrt zurzeit an der University of Stanford, Kalifornien. Das Gespräch führte Anna Sauerbrey.

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