Das Netz im Jahr 2012 : Was kommt, was geht?

Spiele, Riesendaten, das Ende der Computer: Wir haben uns bei Analysten, Start-ups und Wissenschaftlern umgehört, welche Trends und Themen im Internet nächstes Jahr wichtig werden.

Sina Kamala Kaufmann prognostiziert mehr Spieltrieb: 

"2012 wird verspielt! Die „Gamification“ wird sich im nächsten Jahr fortsetzen. Der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit von Kunden und Nutzern mündet immer häufiger in sehr geschickt designte kleine Programme und Internetdienste, die die Kunden anlocken sollen – der Übergang zu ‚richtigen‘ Computerspielen wird oft überschritten. Der Spieltrieb wird in den kommenden Jahren neue Formen des Spiels und Berühungspunkte zur Realität hervorbringen und immer weitere Nutzergruppen ansprechen. Das iPad wird 2012 zur führenden Spielekonsole für alle Generationen."

Kaufmann ist Sprecherin von Wooga, einem 2009 in Berlin gegründeten Start-up, das zu den führenden Anbietern für Spiele in sozialen Netzwerken gehört.

Wafa Moussavi-Amin prognostiziert Berge von Daten:

"Neben Mobile Computing, Cloud-Diensten und sozialen Netzwerken wird ‚Big Data‘ ein großes Thema werden. So wird die Masse von produzierten Daten bezeichnet, die 2012 auf 2,7 Zettabyte steigen wird, ein Zuwachs um 48 Prozent (so viel wie 250 Mrd. DVDs, Anm. d. R.). Über 90 Prozent dieser Informationen werden sogenannte unstrukturierte Daten sein: Bilder, Videos, MP3-Dateien, Daten aus sozialen Netzwerken oder internetbasierter Arbeit. Diese stecken voller Informationen, sind aber nur schwer zu verstehen und zu analysieren. Unternehmen sind daran interessiert, aus diesen Daten Erkenntnisse zu gewinnen. Wir gehen deshalb davon aus, dass sich Angebote, bei denen Daten und analytische Technologien eng miteinander verzahnt sind, weit verbreiten. Wir erwarten auch ein heißes Jahr bei ‚Big-Data‘-getriebenen Firmenübernahmen, die großen IT-Anbieter wollen zukaufen."

Moussavi-Amin ist Analyst und Geschäftsführer bei IDC, einer internationalen Beratungsfirma, die auf IT-Prognosen spezialisiert ist.

Denselben Trend sieht auch der Werber und Blogger Sascha Lobo:

"Das Internet hat eine Vorderseite aus Pixeln und eine Rückseite aus Daten. Die großen Entwicklungen der nächsten Jahre werden eher auf der Rückseite stattfinden und deshalb nicht unmittelbar wahrnehmbar sein. Durch geschickte Auswertung der riesigen Datenmengen können wir neue Zusammenhänge erkennen. Wen könnte wann und wo welche Werbung interessieren? Gibt es Anzeichen für Epidemien? Wo wird in den nächsten Stunden besonders viel Strom gebraucht? Die Antworten werden unser Leben bestimmen. Selbst, wenn wir es nicht gleich bemerken."

Cory Doctorow prophzeit das Ende des Mehrzwecke-Computers.

Eine der weitreichendsten und unheimlichsten Prophezeiung der letzten Zeit wagte in dieser Woche der kanadische Science-Fiction-Autor Cory Doctorow auf dem Jahreskongress des Chaos Computer Clubs. Er sagte das Ende des multifunktionalen Personal Computer voraus, so wie wir ihn kennen: als Gerät, das Texte verarbeitet, kommuniziert, Musik und Filme abspielt und über dessen System versierte Nutzer die volle Kontrolle haben. Doctorow meint, dass es auf kurz oder lang Bestrebungen von Wirtschaft und Regierungen geben wird, den Besitz dieser Mehrzweckcomputer zu untersagen und dem Normalnutzer eingeschränkte, spezialisierte Geräte wie iPad oder Spielekonsolen zu verkaufen. Er nennt dafür zwei Gründe: Zum einen den Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen. Mit Mehrzweckcomputern sei es immer möglich, Kopierschutztechniken zu umgehen. Zum anderen die Gefahrenabwehr: Da inzwischen fast alles computergesteuert ist – Autos, Flugzeuge, die Industrieproduktion – werden Mehrzweckcomputer in der Hand der Falschen zu regelrechten Wunderwaffen. Diese These wird uns in einer der nächsten Netzspiegel-Ausgaben noch einmal ausführlicher beschäftigen.

Christoph Bieber prophezeit eine Pause für die Piraten:

"2012 wird ein langweiliges Politik-Jahr im Netz – vielleicht. Im Kalender steht nur die Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Die Ruhe an der Urne spielt den Piraten in die Hände: So bleibt mehr Zeit für die Entwicklung der Offline-Programmatik und der internen, netzbasierten Willensbildung. Den Rest des Jahres schaut der Politikbetrieb nach Westen – im Mai wählt Frankreich einen neuen Präsidenten und im November steht die US-Wahl auf dem Programm. Dort ist zwar nicht mit einem solchen Innovationsschub zu rechnen wie vor vier Jahren, doch dürfte das Online-Campaigning erneut Maßstäbe setzen. Zumal soziale Netzwerke dann wohl „das neue Normal“ sein werden und den TV-Sendern die Rolle des medialen Lagerfeuers streitig machen. Das Frühjahr wird in den USA aber im Zeichen der Occupy-Bewegung stehen – im Lager der 99 Prozent überwintert man vor dem Rechner und programmiert neue Tools, damit rund um den „Super Tuesday“ im März nicht mehr die Vorwahlen die Nachrichten dominieren, sondern die Neuauflage der Proteste. Online wie offline."

Bieber ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Er beschäftigt sich mit Internetkultur und neuen Demokratieformen.   

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