Medien : Das Phantom

Condoleezza Rice bei „Christiansen“ oder: Der Talkgast, der nicht da war

Barbara Sichtermann

„Wir hätten’s ja lieber, dass sie hier wäre“, sagte der ehemalige CDU-Vorsitzende Wolfgang Schäuble, als Fragen nach dem amerikanischen Verhältnis zur Uno aufkamen, die man „Frau Rice hätte stellen sollen“. Aber die Sicherheitsberaterin von Präsident Bush hatte offenbar so große Sicherheitsprobleme, dass sie nicht bereit war, sich auf die Studiobühne vor Publikum zu Sabine Christiansen und ihre übrigen Gäste zu begeben. Stattdessen spielte man ein Interview ein, das sie kurz zuvor ihrer Gastgeberin gewährt hatte. Diese Lösung überzeugte keinesfalls.

Verloren hockten neben Schäuble General a.D. Klaus Reinhardt und Daniel Cohn-Bendit (Grüne) um die Moderatorin herum; man versuchte, die Entwicklung im Irak – Folterfotos, Truppenabzug – zu kommentieren, und starrte doch nur auf die Sicherheitslücke, die Condoleezza Rice durch ihre Abwesenheit gerissen hatte und die das in zwei Partien zwischengeschnittene Interview nicht schließen konnte.

Christiansen hatte das Gespräch mit Rice auf Englisch geführt und sich selbst per Voice-over eingedeutscht. Rices Text wurde von einer Simultandolmetscherin drübergesprochen – wahrscheinlich sind genau diese Worte schon in viele Sprachen übersetzt worden. Kaum hatte Christiansen ihre jeweilige Frage – wohlüberlegt, klar formuliert und hart zur Sache – vorgetragen, schoss Rice auch schon mit ihrer Suada los, die eigentlich nur eins besagte: Wir tun, was wir können, und Amerika ist groß. Im Einzelnen hieß es dann ein ums andre Mal: „Das wird untersucht.“ Auf Nachfragen folgte der Hinweis, dass man in laufende Untersuchungen nicht eingreifen dürfe.

Manisch-panisch beschwor die Sicherheitsberaterin die amerikanische Demokratie, in der „alles untersucht“ werde und es leider trotzdem böse Menschen gäbe. Sie spulte ihre Statements ab wie eine Gebetsmühle, zuweilen waren sie ohne Bezug zur Frage. „Gehen oder bleiben die Truppen?“ – „Wir bleiben nicht, wo wir nicht gewollt werden, das machen die Vereinigten Staaten nicht.“ Andererseits: „Amerika fängt keine Aufgaben an und macht sie dann nicht fertig.“ Statt „ich“ sagte Frau Rice gern Amerika oder Vereinigte Staaten. Oder Demokratie. Auf mögliche Fehler in der Führung angesprochen: „Das wird untersucht.“

Ratlos und fast schon ein bisschen besorgt blickten sodann, im gewohnten Studio mit Publikum und Ausblick, die drei Gäste zwischen Kamera und Moderatorin hin und her und räusperten sich. Wer untersucht denn da eigentlich was? Womöglich der Oberschurke seine eigenen Untaten? Dass Folter einfach so zum Krieg dazugehöre, konnte Reinhardt jedenfalls nicht bestätigen. Und Daniel Cohn-Bendit vermisste ein Wort von Rice etwa des Inhalts: „Wir haben Fehler gemacht.“ Frau Amerika aber schloss mit den Worten: „Wir werden gewinnen.“

Was der Zuschauer vermisste, war seine gewohnte Christiansen-Sendung mit fuchtelnden Funktionsträgern, die einander ins Wort fallen und verbale Rauchbomben werfen. Das gibt Theater, auch wenn sich am Schluss der Vorhang über lauter offenen Fragen senkt. Warum hat man nicht Rice aus Washington oder anderswo live zugeschaltet, wenn sie schon bereit war, sich in der Christiansen-Sendung zu äußern? Sie hätte Sicherheitsrisiken mit den Teilnehmern debattieren können. Eine Talkshow, an der ein prominenter Special Guest als Phantom teilnimmt, kann nicht gelingen.

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