Medien : Das Publikum hat immer Recht

Bühnentier, Rampensau, harter Arbeiter und Vorgänger der Comedians: Rudi Carrell wird 70

Harald Martenstein

Rudi Carrell ist ein solcher Vollprofi, dass er es sogar geschafft hat, in Ehren abzutreten. Inzwischen steht er nur noch selten vor der Kamera, arbeitet aber weiterhin als Produzent. Vor allem produziert er für RTL „7 Tage, 7 Köpfe“. Außerdem betätigt er sich als Kassandra. Rudi-Carrell-Prognosen besitzen eine Treffsicherheit von annähernd 100 Prozent. Jüngster Erfolg: Wie er 20 000 Euro auf das Scheitern von Anke Engelkes Late Night Show wettete. Carrell wusste auch lange vor den Betreffenden selber, dass Günther Jauch einmal ein ganz Großer wird, dass Barbara Schöneberger keine ganz Große wird, dass Wigald Boning in die Krise kommt und so weiter.

Er hat eben den totalen Instinkt. Fürs Publikum. Für Niveau- und Stilfragen dagegen ist Rudi Carrell kein Experte der allerersten Kategorie. Wenn man seine alten Sendungen mit heutigen Augen sieht: Kalauersammlungen. Oft ist es unterirdisch. Manchmal allerdings erfrischend. Carrell hatte als Holländer erfreulich wenig Respekt vor den ungeschriebenen Gesetzen der deutschen politischen Korrektheit. Als er in einer Diskussion mit der damals bereits heilig gesprochenen Alice Schwarzer einen BH herausholte und sich damit die Stirn abtupfte, wirkte das einerseits extrem peinlich, andererseits so dreist, dass es schon wieder fast etwas Interessantes hatte. Später ließ er in „Rudis Tagesshow“ Ajatollah Khomeini in einer Filmmontage mit Damenunterwäsche bewerfen und löste damit eine außenpolitische Krise aus. Die Bundesrepublik entschuldigte sich beim Iran offiziell für Rudi Carrell. Vor dem Hintergrund der heutigen Islamdebatten war die damalige Aktion aber gar nicht so dumm.

Schamlose Ideen dieser Art haben ihm wohl die Bewunderung von Harald Schmidt eingetragen, der Carrell, als er sich vom Bildschirm zurückzog, eine ganze Schmidt-Show lang feierte wie niemanden zuvor. Umgekehrt kann Rudi Carrell mit Schmidt wenig anfangen. Carrell ist kein Intellektueller. Er ist ein Bühnentier. Eine Rampensau. Nie würde er über den Quotendruck im Fernsehen jammern. Ihr wollt 30 Millionen Zuschauer? Okay, warum nicht. Carrell hat es oft genug geschafft. Sein erstes Gebot lautet: Das Publikum hat immer Recht.

In der Geschichte der deutschen Fernsehunterhaltung steht er für das, was nach der Generation von Frankenfeld, Rosenthal und Kulenkampff kam. Diese Leute hatten meist noch im Radio angefangen. Carrell kam aus den Varietés und den Bierzelten. Schon sein Vater war Entertainer, allerdings nur mittelmäßig erfolgreich, vielleicht, weil er zu viel trank. Carrell senior verdiente sein Geld zeitweise mit Auftritten bei Kindergeburtstagen. Carrell junior, in Alkmaar geboren unter dem Namen Rudolf Kesselaar, wirkte gleichzeitig sympathisch und frech, eine verschärfte Fassung von Heinz Rühmann. Er rüstete das deutsche Show-Wesen ab. Keine einschüchternde Treppe mehr, kein Ballett. Stattdessen: Witze. Die Herren vor ihm hatten in ihren Jacketts immer noch etwas Offiziöses, Sparkassendirektorhaftes. Rudi war lockerer, nach seiner Ära war der Weg frei für die Comedians und für den beinharten Humor eines Stefan Raab.

Carrell identifiziert man nicht mit einer bestimmten Sendung, weil er immer rechtzeitig mit etwas Neuem gekommen ist. 1965 holte ihn Radio Bremen nach Deutschland, bis 74 machte er die „Rudi-Carrell-Show“, von 74 bis 79 „Am laufenden Band“, von 81 bis 87 die „Tagesshow“, ab 87 „Herzblatt“. Die Spielregeln für erfolgreiche Shows kennt Rudi Carrell auswendig. Zum Beispiel: Das zweite Jahr entscheidet über den Erfolg, nicht das erste. Oder: Wenn du in den ersten drei Minuten keinen Lacher hattest, kannst du die Sendung vergessen.

Und Witze kann man nur dann aus dem Ärmel schütteln, wenn man sie vorher hineingesteckt hat. Für Carrell arbeiteten zeitweise 20 freie Autoren. Jede Showidee und jeder einzelne Scherz sind bei ihm geronnene Arbeit. Sein wichtigster Steinbruch: das Archiv in seinem Anwesen bei Bremen. Nach einer gewissen Zeit kann man nämlich die meisten guten Gags wieder verwenden. Man muss nur lange genug warten.

Er hat mal gesagt: Ich möchte sterben, wenn mir keine Gags mehr einfallen. Aber das passiert hoffentlich nicht so schnell. Und wenn gar nichts geht – es gibt eine Million Witzseiten im Internet. Da findest du immer was.

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