Medien : Das Radio-Experiment

Aus Spaß wurde Fritz. Fritz ist heute zehn Jahre alt

Matthias Bartsch

Zehn Jahre ist es her, da „rottete sich das übelste Geschmeiß und Natterngezücht der Republik zusammen, um einen Radiosender zu gründen“. Mit diesem Satz wird im Jubiläumsbuch „An, laut, stark – Fritz, das Buch zum Radio“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf), die Gründung von Radio Fritz beschrieben. Die Macher hatten sich 1993 nichts Geringeres in den Kopf gesetzt als die Wiedervereinigung im Radio. Zwei Sender galt es zusammenzuführen: Der eine war Rockradio B aus dem Osten, der andere Radio 4U aus dem Westen. Das Ergebnis des Experiments nannten die Macher „Fritz“, sie selbst sahen sich als „Radiofritzen“. Die Anfangsphase war von Misstrauen unter den zusammengewürfelten Redakteuren und Moderatoren geprägt. Keiner traute dem anderen über den Weg. Aber gemeinsam schafften sie es, etwas Neues zu entwickeln, ein Radio, das ganz anders war, „fritzig“ eben. Dieses Wort, fritzig, können die Redakteure mittlerweile nicht mehr hören. Intern erklärten sie es sogar zum „Unwort des Jahres“.

Wie lässt sich erklären, was Fritz auszeichnet? Im Gegensatz zu anderen, den Dudel- sendern, ist der Wortanteil bei Fritz erstaunlich hoch. Das liegt daran, dass sich die Moderatoren oft verquatschen und dann kaum noch Zeit finden, um die geplanten Songs abzuspielen. Und wenn sie erst mal richtig ins Quatschen kommen, wird’s oft grenzwertig. Manchmal heißt es dann, so etwas Provokantes habe in einem öffentlich-rechtlichen Programm nichts zu suchen. Wenn die Radiofritzen diese Kritik hören, wissen sie, sie haben es genau richtig gemacht. Schließlich will Fritz junge Hörer ansprechen, die 14- bis 29-Jährigen. Entsprechend ist das Musikprogramm: Es gibt keine andere Altersgruppe, bei der sich der Musikgeschmack so schnell ändert, sagt Fritz-Musikredakteur Frank Menzel. Das Prinzip: „Wir spielen immer einen bekannten und danach einen unbekannten Titel unterschiedlichen Stils. Unbekannte Titel verpacken wir also mit zwei Hits.“ Die Palette reicht von Advanced Electric Music über Hip-Hop bis zu Rock und Pop. Nur extreme Stilrichtungen und Jazz haben keine Chance. Aber es ist nicht nur die Musik, die Fritz ausmacht, sondern vor allem sind es die Sendungen, die mit den Jahren eine eingeschworene Fangemeinde gefunden haben. Die beliebtesten: „Radiofritzen am Morgen“, „Soundgarden“, „Blue Moon“.

Für ein Jugendprogramm wie Fritz ist es aber auch wichtig, dass die Mannschaft jung ist, sagt Chefredakteur Konrad Kuhnt. Denn nur so wird der Sender „auf Dauer von den Hörern akzeptiert“. Dieser Umstand birgt jedoch ein Problem, das die Geburtstagsstimmung etwas trübt, denn oft werden Moderatoren ausgetauscht, die bei den Hörern äußerst beliebt sind. Eine Dienstanweisung der Sendeanstalt erlaubt den freien Mitarbeitern nur maximal sechs Jahre zu arbeiten, nach sechs Monaten Pause sind weitere vier Jahre möglich. Mit dieser Regelung sollen Festanstellungen vermieden werden. Betroffen sind davon unter anderem die Moderatoren Trevor Wilson und Mike Lehmann. Sie klagen zurzeit gegen den ORB.

Streit gab es auch mit einem weiteren, sehr beliebten Moderator. Bis zum 5. Dezember moderierte Tommy Wosch donnerstags von 22 Uhr bis 1 Uhr „Blue Moon“. Aufgrund seiner provokanten Art gilt er als der deutsche Howard Stern. Er genießt Kultstatus. Am besagten 5. Dezember überzog er das Maß. Am Mikrofon schimpfte er über die „lallenden, schwer angetrunkenen“ Wachleute, die ihn nicht aufs Gelände des Senders lassen wollten. Seitdem darf Tommy nur noch den „Bollmann“ am Mittag moderieren. Anfang Januar demonstrierten etwa 50 Wosch-Fans bei Eiseskälte in der Marlene-Dietrich-Allee gegen seine Absetzung. Vergeblich zwar – aber welcher Radiosender kann schon von sich behaupten, derart engagierte Hörer zu haben?

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