Medien : Das Radio von Toilette Nr. 13

In Irak kommen die freien Medien auf die Beine – mit amerikanischer Gehhilfe

Andrea Nüsse[Bagdad]

Der Zawrá-Park mitten in Bagdad liegt verlassen. Schon die Zufahrt zu dem einstigen Ausflugsziel ist weiträumig von den US-Truppen abgesperrt. Denn vor dem Haupteingang, auf dem einstigen Paradeplatz des Saddam-Regimes, haben US-Soldaten ihr Lager aufgeschlagen. Vor dem Häuschen mit der Aufschrift „Herrentoilette Nummer 13" herrscht reger Betrieb. Von hier aus sendet seit dem Krieg Radio Bagdad auf einer UKW-Frequenz. „Der Ort hat uns gewählt", erklärt der Toningenieur Ghassan Adnan den ungewöhnlichen Arbeitsplatz. Vor dem Krieg hatte der staatliche Radiosender Sendeanlagen an verschiedenen Orten versteckt, da man mit der Bombardierung des staatlichen Fernseh- und Radiosenders gerechnet hatte. Die einzige Sendeanlage in Bagdad, die nach dem Krieg noch intakt und nicht gestohlen war, ist eben jene, die neben der Herrentoilette Nummer 13 im Zawrá-Park versteckt war. Heute stehen im überdachten Eingang zum Klo ein abgeschabtes blaues Sofa und mehrere Stühle. In einem winzigen Nebenraum ist das Studio aufgebaut: Adnan hat seinen privaten Computer mitgebracht, ein anderer Techniker sein Mischpult.

Bei Radio Bagdad setzt man auf Kontinuität: „Wir waren immer Regierungsradio und sind es auch jetzt noch", erklärt Adnan. Man habe unter dem König gearbeitet, unter Saddam Hussein und jetzt eben unter der neuen Regierung. Und das seien jetzt die Amerikaner. So haben alle Mitarbeiter von Radio Bagdad eine Plastikkarte um den Hals hängen, die sie als Mitarbeiter von ORHA ausweist, der staatlichen US-Organisation für Wiederaufbau und humanitäre Hilfe in Irak, die faktisch als neue irakische Regierung fungiert.

Von der neuen Freiheit will man hier nicht allzu viel wissen. „Der Übergang war schmerzhaft, und daher wollen wir die Leute beruhigen, indem wir ihnen Kontinuität bieten", sagt Adnan. Wie seit Menschengedenken sind täglich um 14 Uhr 30 Lieder der ägyptischen Sängerin Um Kulthum zu hören. Die gleichen Sprecher wie vor dem Krieg lesen die Nachrichten vor. Allerdings handeln diese nicht mehr von den Heldentaten Saddam Husseins. Stattdessen verlesen die Sprecher Bekanntmachungen von ORHA. Eigene Beiträge gibt es bisher nicht. Auf die Frage, was sich seit dem Sturz des Regimes geändert hat, antwortet Adnan: „Nichts".

Die amerikanischen Chefs hätten den irakischen Mitarbeitern jedenfalls kein Redeverbot erteilt. „Im Gegenteil", erklärt Don North, der für die Betreuung der Fernsehjournalisten zuständig ist, seitdem er Bagdad als „embedded journalist" mit der First Airbone auf einem amerikanischen Panzer in Bagdad eingerollt ist. „Anfangs haben die irakischen Journalisten gefragt, ob sie denn die US-Armee kritisieren dürfen Und ich habe ihnen erklärt, dass sie das sehr wohl dürfen, wenn sie ihre Kritik faktisch belegen können." So hätten die Reporter einen kritischen Bericht über die Verteilung der Renten gebracht, bei dem alte Männer gezwungen waren, unter den Beinen von US-Soldaten hindurch zu kriechen, um an die Kasse zu gelangen. Den eigentlichen Skandal sah man im Fernsehen nicht: Ein US-Soldat wollte das Filmen verhindern und brach das an der Kamera angebrachte Mikrofon ab. Darüber hat sich Don North später bei der US-Armee beschwert. Schließlich will er den irakischen Journalisten ja die Vorzüge der Pressefreiheit beibringen. Die etwa 130 Mitarbeiter stellen täglich ein zweistündiges Fernsehprogramm zusammen, das von 18 bis 20 Uhr ausgestrahlt und später noch einmal wiederholt wird.

Neben Radio Bagdad gibt es im Land noch etwa zwölf lokale Radiosender, die unabhängig von ORHA senden. Allerdings nicht mehr lange. Die Sender seien illegal, weil ihnen das technische Equipment nicht gehöre, sondern dem ehemaligen Staatssender, erklärt ein Mister Bob, der sich als „Berater für das verstorbene Informationsministerium" vorstellt. Seit der Annahme der jüngsten UN-Resolution seien die Sendeeinrichtungen Eigentum der Koalitionstruppen und würden zurückgefordert.

Diese Sorgen hat Abdel Al-Aadawi nicht. Der 48-Jährige ist Redaktionsdirektor der neuen Wochenzeitung „Al-Majd" („Ruhm"). „Wir sind unabhängig und akzeptieren keine roten Linien mehr", erklärt er. Vom alten Regime verabschiedet sich das Blatt in seiner blauen Zeile in Riesenlettern über dem Zeitungstitel: „Mit unserem Blut, mit unserer Seele … wir opfern uns für jeden, der daherkommt", heißt es da in einer Persiflage auf den Spruch, den unter dem alten Regime schon Dreijährige im Kindergarten aus Leibeskräften brüllen mussten – nur dass er damals damit endete, das man sich für Saddam Hussein opfern wolle. Auch der angebliche Aufruf zum Widerstand gegen die US-Truppen des verschollenen Saddam Hussein wird wie in der pan-arabischen Zeitung „Al Quds Al-Arabi" abgedruckt. Die Auflage des Blattes, das von etwa acht Mitarbeitern gestaltet wird, beträgt 3000 Exemplare. Den Vertrieb in Bagdad besorgen zwei Mitarbeiter in ihren Privatautos.

Mehr als 20 neue Zeitungen erscheinen mittlerweile in Bagdad, wo es früher nur vier gleichgeschaltete staatliche Blätter gab. Heute heißen sie „Der Bagdader Morgen", „Al-Taachi", „Al-Zaman". „Die neue Freiheit hat zu einer Explosion der Publikationen geführt", erklärt Al-Aadawi. Allerdings ist er sicher, dass nicht alle überleben werden. „Die Sprachrohre der verschiedenen Parteien haben gute Chancen, weil Organisationen hinter ihnen stehen." Für die unabhängigen Blätter wie „Al-Majd" sei die Zukunft dagegen eher ungewiss. Doch jetzt will Abdel Al-Aadawi jede Minute der neuen Freiheit nutzen. Und schon diskutiert er mit einem Graphiker die Gestaltung der nächsten Titelseite.

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