Medien : Das Rätsel Ratzinger

Eine Arte-Dokumentation nähert sich klug und sachlich Papst Benedikt XVI.

Marius Meller

Was erwartet man eigentlich von einem neuen Papst? Dass er Reformen anpackt? Dass er Verhütung und Abtreibung erlaubt? Dass er Geschiedenen und Wiederverheirateten die Teilnahme am Abendmahl erlaubt? Dass er Frauen zu Priestern macht? Dass er gar die Erbsündenlehre korrigiert?

Derartig im Zeitgeist verhaftete Fragen als naiv erscheinen zu lassen – das ist das Verdienst der unaufgeregten und sachlichen Dokumentation „Benedikt XVI. – Der rätselhafte Papst“ von Ludwig Ring-Eifel und Thomas Schröder. Sie läuft ihm Rahmen des Arte-Sonderprogramms „Ostern 2006“. Die Auswahl der Intellektuellen, die sich zum „Enigma Benedikt“ äußern – so lautet der Titel der französischen Fassung – ist dabei nicht nur brillant zusammengestellt, sondern auch klug präsentiert.

Der französische Philosoph Alain Finkielkraut verweist auf die (oft verdrängte) Binsenweisheit, dass Kirche und Dogma als untrennbar verstanden werden müssen und dass es daher ignorant sei, wenn man sich beschwere, dass die Vertreter der Kirche Dogmatiker seien. Mit leuchtenden Augen, die etwas von einer tiefen, urkonservativen Faszination für Joseph Ratzinger preiszugeben scheinen, erklärt der jüdische Denker, dass in der Person und Politik des Papstes der Heilige Geist angetreten sei, um gegen den Zeitgeist zu kämpfen.

Die scharfe Kritik Ratzingers am modernen Pluralismus, den er kurz vor seiner Wahl zum Papst als „Relativismus“ geißelte, ist der Dreh- und Angelpunkt der Dokumentation. Und wahrscheinlich ist sie auch prägend für das gesamte Pontifikat Benedikt XVI. Der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt die Institution Kirche ironisch unter Gesichtspunkten der Evolution. Ratzinger sei als Chef der Glaubensbehörde eine Art „Evolutionsbeauftragter“gewesen und habe diese Funktion auch als Papst weiterhin inne.

Es sei sein Auftrag gewesen, das Tempo der Modernisierung und die Bewahrung der Tradition ins Gleichgewicht zu bringen. Ratzinger garantiere in dieser Frage die Kontinuität des Dogmas. Sloterdijk verweist darauf, dass die Mühlen der kirchlichen Entwicklung extrem langsam mahlen. So müsse ein Papst gewissermaßen immer 2000 Jahre alt sein, um das richtige Zeitgefühl für seine Aufgabe, die Traditionswahrung, mitzubringen. Diese Voraussetzungen erfülle Ratzinger.

Ein anderer Philosoph fehlt allerdings in der Dokumentation: Jürgen Habermas, der sich vor der Papstwahl mit dem Chef der Glaubenskongregation zum „Spitzengespräch“ traf. Der Frankfurter Denker hat in letzter Zeit einige wegweisende Texte zum Verhältnis von Religion und Moderne veröffentlicht. Auch daher hätte man gerne vom Doyen der deutschen Philosophie ein Wort zum deutschen Papst gehört.

Hans Küng, der dissidentische einstige Weggefährte Ratzingers, wirkt hingegen gekränkt in seiner Eitelkeit angesichts der Pompösität der Papstinthronisierung und der enormen Aufmerksamkeit, die man als Papst eben so bekommt.

Es gelingt dem Film, zu verdeutlichen, was das zentrale Problem der Kirche ist – oder besser gesagt, was die Gesellschaft für ein Problem mit der Kirche hat. Denn streng genommen hat die Kirche kein Problem, sie muss sich nur stets treu bleiben: Das Dogma wird immer dogmatisch sein und nie das Credo des modernen Pluralismus integrieren können, demzufolge es verschiedene Wege zu Gott gibt – und auch Wege ohne Gott. Papst Benedikts zweifelhafte Stärke ist die Repräsentation dieses Dogmas.

„Benedikt XVI. – Der rätselhafte Papst“; Arte, Samstag um 21 Uhr 35

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