Medien : Das Scharping-Material

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„Das Material ist in Ordnung“, sagt „Stern“-Autor Andreas Borchers. Das Material, das die Grundlage für den Artikel „Der Minister und sein Gönner“ im aktuellen Heft bildet und die Ablösung von Rudolf Scharping als Verteidigungsminister mitbefördert hat. „Das Material hat ein Restrisiko“, sagt Joachim Preuß, stellvertretender Chefredakteur des „Spiegel“. Offenbar ein so großes „Restrisiko“, das der „Spiegel“ auf Kauf und Verwendung „bewusst“ verzichtet hat. „Es ist uns zuerst angeboten worden,“ sagt Preuß, „vor mehreren Monaten“. Den, der es angeboten hat, nennt Preuß „sehr schwierig, kompliziert“. „Spiegel“-Mitarbeiter hätten die angebotenen Unterlagen geprüft und gegengecheckt.

Es sei „im Kern stichhaltig“, sagt Preuß, mehrere „Merkwürdigkeiten“ wie die Rechnung des Herrenausstatters Möller & Schaar über knapp 55 000 Mark an Scharping hätten sich aber nicht aufklären lassen. Außerdem habe der verlangte Preis „jede vernünftige Grenze weit überschritten“. Preuß nennt keine Zahl, betont jedoch „die wirtschaftlich schwierigen Zeiten“, auch für den „Spiegel“. Andere Quellen berichten übereinstimmend von 200 000 Euro, die der „Stern“ bezahlt hätte. Preuß kommentiert den Betrag nicht, er verweist auf die nächste „Spiegel“-Ausgabe, in der „wir so gut wie wir können berichterstatten werden“.

Der „Stern“ ist seiner „besonderen Sorgfaltspflicht“ nachgekommen, um die Qualität des Materials festzustellen. Sagt Andreas Borchers, der gemeinsam mit dem stellvertretenden Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges sowie Dieter Krause und Hans Peter Schütz den Artikel ins Blatt gebracht hat. „Die Unterlagen sind seit zwei Monaten auf dem Markt, wir haben es weit länger als eine Woche gecheckt.“ Letzte Gewissheit habe ein Fragebogen an Scharping und seinen PR-Berater Moritz Hunzinger gebracht, den Jörges auf der Basis des Materials am 12. Juli verschickt habe. Die Antworten Hunzingers – wie die „Stern“-Fragen nachzulesen unter www.hunzinger.de – hätten die Authentizität des Materials erwiesen, sagt Borchers. Scharping hätte nicht geantwortet, allerdings sei für diese Woche ein Gespräch mit dem Minister vereinbart gewesen.

Dann aber hat der Vorgang das Dreieck „Stern“/Hunzinger/Scharping verlassen, nach Borchers’ Darstellung vom PR-Berater selbst betrieben. „Hunzinger ist in die Vorwärtsverteidigung gegangen, er hat andere Medien informiert, er wollte die Luft ’rauslassen.“ Borchers verweist auf den Artikel in der „Bild“-Ausgabe vom 15. Juli mit der Überschrift „Wirbel um Zahlungen an Scharping“, In diesem Beitrag wurden, wie Borchers es sieht, stellenweise die „Stern“-Fragen und die Hunzinger-Antworten vom 12. Juli verwendet. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann hat bereits weit von sich gewiesen, dass sich sein Blatt habe instrumentalisieren lassen. Diese und andere Veröffentlichungen, wie in der „Süddeutschen Zeitung“, haben den „Stern“ zur Eile getrieben. Der Exklusivität des Themas beraubt, blieb die Exklusivität des eigenen Materials. Am Dienstag bekam Bundeskanzler Gerhard Schröder den „Stern“-Artikel zu lesen; danach soll sein Entschluss festgestanden haben, Scharping zu entlassen.

Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“ sagt, „die ,Stern’-Geschichte ist wirklich in Ordnung, sie ist kritisch, stellt die richtigen Fragen, haut aber nicht drauf.“ Sie sei sehr viel besser als die ,Stern’-Artikel über Hannelore Kohl und die CSU“. Zum Informanten und dem Material meint der Journalist nur, „man soll lesen, was im Artikel drin steht und sich dann seine Meinung bilden“. Allerdings, in Leyendeckers Augen, „ist dies alles, was da aufgedeckt worden ist, keine große Affäre“.

Übrigens liegt noch weiteres Material beim bislang anonymen Nachrichtenhändler. Es soll den PR-Berater Moritz Hunzinger selbst betreffen. Kostenpunkt: 200 000 Euro. Joachim Huber

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