Medien : Das Schema K

Nazi-Zeit, Kubakrise, 17. Juni: Der Fernsehhistoriker Guido Knopp macht unverändert Quote. Doch seine Mitarbeiter sehen sich in der Sackgasse

Constanze von Bullion

Fast könnte man vergessen, wo die Wirklichkeit aufhört und wo der Film beginnt. Der Meister jedenfalls sitzt entrückt in seinem schwarzen Ledersessel, den Kopf in nachdenklicher Schräglage, so als schaute er in weite Ferne. „Eine schöne Szene“, sagt er, und dann lässt er diesen Schulhof vor dem inneren Auge erstehen, auf dem sich kleine Jungs um zwei Klassenkameraden drängen, die am Boden liegen und sich prügeln. Alle Kinder sind gegen den einen, den Jungen, der unten liegt. „Hau ihn, er ist evangelisch!“, schreien sie. Dann Schnitt. Guido Knopp taucht auf aus seinen Erinnerungen und schaltet dieses Gewinnerlachen ein, das immer dann erscheint, wenn die Passagen ungemütlich werden.

Unnötig zu sagen, dass er selbst evangelisch ist und im tief katholischen Aschaffenburg zur Schule ging. Da gab es in den 50ern noch getrennte Toiletten für katholische und evangelische Kinder, erzählt er, „ein Diasporagefühl als Protestant“. Oder diese andere Szene, wieder ist Knopp der Außenseiter. Er geht studieren nach Frankfurt, erlebt die 68er-Revolte „als Zeitzeuge“ und den Philosophen Adorno, der bei einer Vorlesung von nackten Studentinnen umtänzelt wird. Dem alten Herrn schießen Tränen in die Augen, weil er sich verspottet fühlt, „ein grandioses Missverständnis“. Knopp hat das genau beobachtet, als neutraler Zuschauer und als einer, der fremd blieb im antiautoritären Zeitgeist. Knopp – ein Leben in schwerer Zeit. Warum verfilmt das eigentlich niemand?

Mainz-Lerchenberg, ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Im Zimmer des Redaktionsleiters läuft klassische Musik, Guido Knopp sitzt zwischen weltberühmten Fotos und einem Bild seiner Kinder, das mit bräunlicher Patina auf alt getrimmt ist. Alles ist Geschichte in diesem Kosmos, nur der Erfolg noch nicht, der Knopp zu Deutschlands bekanntestem Fernsehhistoriker gemacht hat und seine Zeitgeschichte-Redaktion zu einer der verlässlichsten Geldmaschinen des ZDF. „Holokaust“, „Hitlers Helfer“, „Hitler – eine Bilanz“, „Der Jahrhundertkrieg“, „Die SS“, das sind nur ein paar Stichworte, die für eine außergewöhnliche Erfolgsstory stehen – aber auch für eine der umstrittensten Figuren im deutschen Fernsehen.

Bevor man Knopp aber fragen kann, warum es auf seine Filme so ungewöhnlich giftige Kritiken hagelt, warum man ihm bei all den Preisen einen „Zug ins Irrwitzige“, „pathetisch-suggestive Simplizitäten“ und die platte Kommerzialisierung von NS-Grauen vorhält, hat er seine 1,96 Meter schon in den Erzählsessel gefaltet und redet über den 17. Juni 1953 und sein neues Doku-Drama „Der Aufstand“, das am 3. Juni läuft. „Über eine Million Menschen haben an 700 Orten der DDR demonstriert“, sagt er, mancherorts sei das Deutschlandlied gesungen worden, „gelegentlich die erste Strophe“.

Hätte einen doch gewundert, wenn Knopp den roten Faden des nationalen Werdens der Deutschen, der sich durch all seine Werke windet, nicht auch in der DDR aufgespürt hätte. 2004 will er den „eigentlichen inneren Gründungsakt der Bundesrepublik“ dokumentieren, den deutschen Sieg bei der Fußball-WM 1954. Zum ersten Mal habe die Nation ein Wir- Bewusstsein entwickelt, „ein Bejahungsgefühl, das den Staat betraf und die Nachkriegsgesellschaft“.

Wiesbaden, Gaugasse, ein Schnittstudio in einer ehemaligen Kartonfabrik. Peter Hartl sitzt vor drei Bildschirmen, über die Bilder aus dem DDR-Politbüro flimmern. Hartl schneidet ein Honecker-Porträt, lässt Arbeiterkolonnen durchs Bild marschieren. Er muss heute zur Abnahme zu Knopp, mit Ko-Autor Thomas Schuhbauer, der letzte Schnitte ansetzt. Hier etwas schneller, da mehr Gefühl, die beiden wissen sehr genau, was von ihnen erwartet wird.

Wer bei Knopp in die Lehre gegangen ist, dem ist diese Mischung aus harten Schnitten, Staccato-Text und süffigem Pathos in Fleisch und Blut übergegangen. Alle aber bäumen sich hier auf, wenn sie hören, dass es auch diese unverkennbare Knopp- Handschrift ist, der eingängige, aber stereotype Wechsel von Archivbildern zu Zeitzeugen vor schwarzem Hintergrund, die Überdruss und genervte Kritiken verursachen. „Die Leistung der verschiedenen Autoren“, sagt Schuhbauer, „könnte schon differenzierter wahrgenommen werden.“ Hartl hat neulich einen Film gemacht, bei dem der Name Knopp nicht im Abspann erschien. „Da gab es plötzlich eine wunderbare Rezension.“

Woher kommt eigentlich dieser Beißreflex, die hohe Aggression, mit der auf den Namen Knopp reagiert wird? Neid, sagt Knopp, wenn man ihn fragt, und dann lässt er wieder dieses Lachen aufblitzen, dem man ansieht, das ihm das alles nicht egal ist. In Deutschland existiere „eine subkutane Gefühlslage, dass attraktive und hoch professionelle Dokumentationen und Nazi-Thematik nicht zusammenpassen“. Aber warum dann BBC-Dokumentationen übers Dritte Reich, die nicht eben unprofessionell sind, keine solchen Allergien auslösen, lässt er offen.

Guido Knopp will nichts davon hören, dass manche ihm eine fast manische Fixierung auf NS-Übeltäter und eine spürbare Milde im Umgang mit Mitläufern nachsagen. Sympathie für die Täter kenne er nicht, sagt er, und Nachsicht nur für solche, die hineingerutscht seien in den Krieg. Den Fokus aufs Dritte Reich, den diktiere das Publikum. Ein guter Teil der Gelder, mit denen Knopp sich teure Lizenzrechte in Archiven kauft, stammt aus Koproduktionen mit dem US-History-Channel, dem britischen Channel Four oder Sendern in Japan und Russland. Da reißt man sich um Geschichten vom Führer, winkt bei Mielke aber eher ab. Warum also Erfolgsformate umschmeißen, fragt Knopp, der Entwicklungsbedarf nur in Richtung Doku-Drama sieht. „Wenn es um harte politische Themen geht, ist die Form gefunden.“

Alles schon fertig, alles perfekt. Wer sich unter Kennern der Zeitgeschichte-Redaktion erkundigt, hört viel Lob über die Verdienste des Meisters – und dann andere Geschichten. Handwerklich, heißt es, liege in der Geschichtsschmiede einiges im Argen. Um die Dramaturgie aufzupeppen, würden Filmschnipsel verwendet, die aus Propagandafilmen stammten. Der Untergang eines U-Boots etwa sei gestellt – eine Illusion, die nicht entzaubert werde. Knopps Leute bestreiten das. In einem Film über die Schlacht von El-Alamein, heißt es weiter, habe Knopp die Originalbilder durchgängig eingefärbt, ein fragwürdiger Eingriff. Ein Versuch, „die Ereignisse in die Wirklichkeit zu holen“, so die Redaktion. Dass Zeitzeugen so gut wie nie mit Dokumenten konfrontiert würden, die ihre Lügen entlarven, weisen die Autoren ebenso zurück wie den Vorwurf, Knopps großer Rivale, der BBC-Riese Lawrence Rees, setze den aktuellen Forschungsstand filmisch um, während sie sich wenig darum scherten.

Knopp findet die Vorwürfe „allesamt ganz unsinnig“ und verweist auf etliche wissenschaftliche Berater. Auch andere, durchaus wohlmeinende Beobachter berichten allerdings, in der Redaktion mache sich nach den großen Erfolgen Mutlosigkeit breit. Dass kaum einer wage, unkonventionelle Ideen zu entwickeln, liege auch der Schere im Kopf der Mitarbeiter. Sorgsam würden Konflikte mit dem Chef vermieden, der weniger eingreife, als oft vermutet, aber unerbittlich sei, wenn er etwas ablehne. Für Nachkriegsgeschichte oder Studentenbewegung habe er ohnehin wenig übrig. Warum das so ist, können viele nur erahnen.

Wer sich mit Knopp länger über Knopp unterhält, der spürt hinter der weltgewandten Fassade eine etwas unbehagliche Distanz zur Gegenwart, eine Menschenscheu, die man leicht als Überheblichkeit auslegen kann. Knopp weiß, dass er die Herzen nicht im Sturm erobert, und er wirkt, als würde er das gerne ändern. Fragt man ihn nach seiner persönlichen Biografie, dann bleiben zwischen all den gestochen scharfen Bildern die emotionalen Regionen in diffusem Nebel.

Guido Knopp ist Sohn einer schlesischen Flüchtlingsfamilie, die nach dem Krieg „in sehr beengten Verhältnissen“ lebte. Der Vater arbeitete zuletzt „in der Pharmaindustrie“, ein Mann von nationalem Geist, der nach dem Krieg der FDP nahe stand. Einen Aufstand der Söhne gegen die Väter, wie ihn die 68er probten, hat es im Hause Knopp nie gegeben. Der Vater sei im Krieg kurz an der Ostfront gewesen, wurde früh verletzt und landete in Gefangenschaft, erzählt Knopp. Schuld könne er da nicht erkennen. Statt Bruch mit den Vätern also endlich Versöhnung, ist das die Leidenschaft des Guido Knopp? „Das ist nicht völlig falsch“, sagt er.

Ein kleines Büro, ein überbordender Schreibtisch, überall Videokassetten, ein Laptop. Hier arbeitet Jörg Müllner, 36 Jahre alt und einer der Stammautoren im Team. Müllner hat Knopps Sendungen über den Bombenkrieg geschrieben, über die SS oder Heydrichs Herrschaft. Wie lange kann man so einen Job eigentlich machen, ohne in Routine zu erstarren? „So lange das Unverständnis anhält, wie das alles passieren konnte“, sagt Müllner, der es weit von sich weist, in den Bann seiner Protagonisten zu geraten.

Manchmal besucht er Zeitzeugen, „da sieht es aus wie 1938“. Da gebe es alte NS-Männer, die nichts dazugelernt hätten. Widerspricht er denen manchmal? „Wenn sich da ein SS-Mann brüstet, wie schnell die Juden aus Österreich vertrieben wurden, entlarvt er sich doch selbst“, sagt Müllner, den die Kritik am glatten Stil der Knopp-Filme nicht kalt lässt. „Es ist richtig, dass es ein relativ starres Korsett gibt, darüber diskutieren wir oft“, sagt er. „Wir müssen uns öffnen, inhaltlich und formal, aber behutsam.“

Wohin die Reise geht, das weiß hier noch keiner. Aber dass der Aufbruch kommen muss, das wissen alle.

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