Medien : Das schnelle Rendezvous

„Liebe macht blind“ im „Tatort“: Ein „Speed-Dating“-Fan kommt zu Tode, und Berlin kommt groß raus

Barbara Sichtermann

Beim „Tatort“ gibt es zwei Pfade, auf denen Neugier und Emotion der Zuschauer entlanglaufen. Einmal die Jagd als Mörderspiel: Wer war es und warum? Zum Zweiten die Jagd als Zusammenspiel, als Teamwork der Cops und Schnüffler. Alle Tatorte folgen diesem Muster. Sie müssen also außer einer schlüssigen Story, bei der der Täter am Ende als der einzig Wahre dasteht, obwohl zuvor niemand auf ihn gekommen wäre, auch noch was für die Zwischenmenschlichkeit tun, also ein eingespieltes Ermittlerpaar präsentieren, Kollegen, die einander zuarbeiten, in letzter Sekunde retten, herausfordern, ärgern, fertig machen und trotz allem furchtbar gern haben.

Der Berliner „Tatort“ hat es sich, was das ,Zusammenspiel‘ betrifft, von Anfang an arg schwer gemacht. Die beiden Bullen Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) sind so verschieden, so kühn als Gegenpole angelegt, dass es mit dem Gernhaben erst mal nicht klappen wollte. Klar arbeiten sie zusammen, wenn es um die Verhaftung des Verdächtigen geht, aber zwischendurch und unterwegs haben der schlitzohrige Single Ritter und der treuherzig-alleinerziehende Vater Stark nicht nur nichts gemein, sie können einander im Grunde nicht ab. Es bleibt ihnen nur übrig, sich wechselseitig anzumachen und dabei den jeweils eigenen Lebensentwurf, das Liebesleben als Wildbahn (Ritter) oder als Übung in Fürsorge und Zärtlichkeit (Stark) als überlegen herauszustreichen. Und so hatte man als Zuschauer immer das Gefühl, dass diese beiden Cops sich als Menschen gegenseitig neutralisieren. Es kam keine Beziehung zustande.

Glücklicherweise haben wir bei der Polizei immer noch den Kündigungsschutz und außerdem eine hierarchische Struktur. Wer mit wem zusammenarbeitet, entscheidet der Vorgesetzte. Ritter und Stark also kamen nicht voneinander los, und wie zwei Schiffbrüchige auf einer Insel entdeckten sie, nach und nach, die Stärken des jeweils anderen. Dies belegt der neue „Tatort“ auf beiläufige und so auch besonders überzeugende Weise. Beide Bullen hänseln einander immer noch, Ritter findet es nervig, wenn und vor allem wie Stark mit seinem Sprössling telefoniert, und Stark schüttelt den Kopf über Ritters Neigung zur Promiskuität. Aber im Laufe der Zeit hat sich nun doch Sympathie zwischen den beiden angereichert. Ritter schreitet prompt ein, als Stark sich mit einem Verdächtigen prügelt, und lässt dafür sogar ein Mädchen sausen. Mehr kann er nicht tun. Der zweite Pfad für diesen „Tatort“, der des „Zusammenspiels“, ist nun gepflastert.

Umso lieber identifiziert man sich mit den beiden Ermittlern, die diesmal ein besonders eng gezurrtes Knäuel aus Motiven und Verdachtsmomenten zu entwirren haben. Das Opfer, ein begeisterter Teilnehmer am „Speed-Dating“, einer zeitgemäßen Form des organisierten Flirtens – nach sechs Minuten ist Partnerwechsel – hat sich in der Damenwelt Feindinnen gemacht. Und dann ist er auch noch Anwalt. Neben diverser von ihm abservierter Mädels haben auch seine Kollegen Gründe, ihm übel zu wollen, denn es hat Unregelmäßigkeiten in der Kanzlei gegeben, genauer gesagt: Steuerbetrug, und der Ermordete wusste zu viel. Am Ende war es dann eine der ältesten Triebkräfte der Welt, die den tödlichen Schlag führte, aber bis sie dahinterkommen, müssen Ritter und Stark weitläufige Abwege gehen.

Die führen sie durch ein liebevoll fotografiertes Berlin, entlang der Spree und durch den großartigen U-Bahnhof Alexanderplatz. Diesmal hat man auf die übliche Berlin-Romantik mit verbliebenen Ruinen und überwucherten Altgleisen im Halbdunkel verzichtet und die Hauptstadt hell, neu und konturenscharf ins Bild gesetzt, und es funktioniert. Buch (Stefan Rogall) und Regie (Peter Fratzscher) gelang es, die typische Berliner Lakonie mit der ebenso typischen Berliner Bierruhe so zu kreuzen, dass, der Speed-Dating-Szenerie zum Trotz, ein treffliches Porträt des Berliners als solchem, aber auch des Schauplatzes Berlin mit seiner wurschtigen Behäbigkeit zustande kam. Auch das ist ja Aufgabe eines „Tatorts“: den Ort, an dem die Geschichte spielt, zu charakterisieren und ihn mitspielen zu lassen.

„Tatort: Liebe macht blind“, ARD, 20 Uhr 15

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