• Das Schweigen der Intellektuellen: Warum Deutschlands Denker mit dem TV nicht klarkommen

Medien : Das Schweigen der Intellektuellen: Warum Deutschlands Denker mit dem TV nicht klarkommen

Gert Kaiser

Von einer Entwicklung soll die Rede sein, die das geistige Leben unseres Landes unmittelbar betrifft: von der Frage, warum die Intellektuellen als meinungsbildende Kraft kaum mehr zu hören sind, warum Politik und Wirtschaft seit einiger Zeit ein wichtiger Widerpart abhanden kam.

Zunächst zur Klärung: Intellektuelle in Deutschland, das sind in erster Linie Schriftsteller, (Grass, Enzensberger, Walser), Journalisten wie Rudolf Augstein oder Wissenschaftler wie Habermas, Beck, Luhmann, Sloterdijk. Die Namen der Wissenschaftler zeigen auch schon ein Problem. Es sind Philosophen und Soziologen. Und das ist der erste wichtige Grund dafür, dass den Intellektuellen ihre meinungsbildende Kraft verloren ging: sie haben keine naturwissenschaftliche und technische Intelligenz in ihren Reihen - und das in einer Phase, in der Naturforscher und Techniker unsere Zukunft, gestalten. Diese Einengung des Intellektuellen-Begriffs hat der englische Physiker und Romancier C. P. Snow schon in den fünfziger Jahren kritisiert: Es muss, so vermutet er, in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts passiert sein, als die literarisch Gebildeten ganz unvesehens die Gewohnheit annahmen, von sich selbst als den "Intellektuellen" zu reden - und dementsprechend Männer wie Rutherford, Max Planck und Heisenberg da ausschlossen.

Merkwürdigerweise sind viele Naturwissenschaftler gekränkt, dass sie nicht zum Kreis der Intellektuellen gezählt werden.

Reich-Ranickis Soap-Opera

Dass ist verblüffend, weil man gerade in Deutschland mit einigem Erfolg versucht hat, "Intellektueller" so negativ wie möglich zu belegen: die Intellektuellen hatten stets mehr Verächter als Freunde. Denn das auch für eine liberale Öffentlichkeit Ärgerliche an den Intellektuellen ist: ihr Medium ist die Kritik. Sie äußern sich als Kritiker - oder gar nicht. "Staatstragend" sind sie nun nicht.

Wenn in Deutschland von der Wirkung der Intellektuellen in der Öffentlichkeit die Rede ist, fällt zwanghaft der Name Marcel Reich-Ranicki. Er hat als erster die Verbindung mit jenem Medium gefunden, das für die Intellektuellen zum Desaster wurde: dem Fernsehen. Reich-Ranickis stupende Öffentlichkeitswirkung beruht ja nicht auf seinen Artikeln und Büchern, sondern auf seiner "TV-Soap-Opera" namens "Das literarische Quartett". "Soap-Opera", weil sie ein altes Muster der bürgerlichen Kleinfamilie neu inszeniert: da ist der allwissende, mal gütige, meist kritische Übervater Reich-Ranicki, da ist der bisweilen etwas aufsässige, dann aber doch rasch wieder gefügige Sohn Hellmuth Karasek und da ist die deutlich missratene Tochter Sigrid Löffler, die er deshalb öffentlich abstrafen muss. Dass es dabei um Literatur geht, ist eine Art Nebenwirkung. Es geht um Inszenierung, die Bilder, die unnachahmliche Gestik und Mimik, den Tonfall - unterstützt durch eine ziemlich gute Kameraführung.

Das führt uns zum nächsten Grund für das Verstummen der Intellektuellen. Seit den sechziger Jahren gibt es einen tiefgreifenden kulturellen Wandel, den wir jetzt erst - und auch nur in Ansätzen - überblicken. Die Welt der Schrift und ihrer globalen Verbreitung ist in der Geschichte der Menschheit ohnehin nur ein winziger Augenblick - und manches spricht dafür, dass wir in eine neue Ära der Bilder und der neuen Mündlichkeit hineingehen: der Konvergenz von Fernsehschirm, Computer, Telefon und Video. Keine Angst - noch nie ist ein Medium verschwunden, wenn es durch das folgende überholt wurde. Aber es verliert seine Leitbedeutung. Was die neue Welt der Bilder aber grundsätzlich von den vorhergehenden Medien unterscheidet, ist unsere spezielle Eignung für genau diese Welt. Der Mensch ist ein Augentier - und ist daher dem Medium ausgeliefert wie keinem zuvor. Und vor allem: Aufgrund ihrer Präsenz im privaten Raum haben die bewegten Bilder des Fernsehens eine Teilhabe am Leben des Normalbürgers erreicht, die sich vor vierzig Jahren niemand hätte vorstellen können. Gegen diese Wirkung hat kein herkömmlicher Diskurs eine Chance, schon gar kein schriftlicher.

Die häufig zu hörende kulturkritische Nörgelei am Fernsehen ist mir eher suspekt. Vor allem, weil sie immer unterstellt, dass das Fernsehen einen schlechten Einfluss auf das bildungsfähige Publikum habe. Aber selbst die zunehmende Verdummung des Mediums Fernsehen, seine Verrohung, antworten nur auf eine vorhandene Nachfrage. Das Fernsehen hat die Menschen nicht schlechter gemacht, es nimmt sie so wie sie sind. Also: keine Kulturkritik im Stil von Neil Postman, sondern die Feststellung, dass die Bildwelt des Infotainment den intellektuellen Diskurs ausgetrocknet hat.

An die Stelle des öffentlichen Diskurses ist die Talkshow getreten. Sie bringt einen Zugewinn an Spontaneität und quantitativer Reichweite - aber die Verluste sind enorm. Peter Sloterdijk, der Medienstar unter den Philosophen, ist durch ungezählte Talkshows gegangen. Aber von ihm hängengeblieben ist nur: Ein glänzender Formulierer mit langen fettigen Haaren. Fernsehen: Das Bild drängt sich immer wieder vors Argument. Und wir sind ziemlich hilflos dagegen.

Außerdem formt das Fernsehen auf eine völlig neue Weise unser aller Wahrnehmung. Der gnadenlose Wettbewerb auf dem Aufmerksamkeitsmarkt, treibt die Sender zu immer stärkeren Dosen an Tabuverletzungen oder zu immer seichterer Unterhaltung: Und im Seichten, das hält der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma richtigerweise fest, ist noch niemand ertrunken.

Der intellektuelle Diskurs muss, wenn er Aufmerksamkeit will, nach denselben Regeln tanzen: entweder seichter oder schriller. Und wer sich aufs Schrille einlässt, findet gerade noch drei Tage Aufmerksamkeit: Günter Grass und seine Rede zur Behandlung der Ausländer in Deutschland; oder Peter Handkes Parteiergreifung für die Serben; oder die Entrüstungen über angebliche Tabuverletzungen in Martin Walsers Frankfurter Rede. Beispiele fürs Überzeichnen, für schrilles Provozieren; das kennen die Menschen vom Fernsehen - und vergessen es deshalb genau so schnell. Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke.

Die Intellektuellen schweigen nicht, wir nehmen sie nur nicht mehr wahr ; ihre Wirkung ist marginal geworden - ihre Wirkung auf die politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich Handelnden. Dass die Intellektuellen nicht mehr die Ebene der res publica erreichen müsste nicht weiter schlimm sein. Vielleicht ist ihre Zeit als kritische Meinungsführer zu Ende. Vielleicht sind sie eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Vielleicht aber auch, dass wir damit einen Seismographen verlieren! Dafür ein letztes Beispiel. Die Weltöffentlichkeit wurde überrascht von den heftigen und den meisten unverständlichen Protesten während der Welthandelskonferenz in Seattle, danach bei den Konferenzen in Davos und Washington.

Die Chance der Intellektuellen

Die meisten von uns haben aber auch nicht wahrgenommen, dass schon vor bald einem Jahrzehnt, vor allem in Frankreich, eine zunehmend aggressivere Debatte über das begann, was die Franzosen "mondialisation" nennen. Die linke Kritik verband sich damals schon mit einem populären Antiamerikanismus und sucht inzwischen die Koalition mit der sich von der Globalisierung bedroht fühlenden Angestelltenschicht.

Alain Finkelkraut, einer der intellektuellen Meinungsführer der Pariser Szene, sieht vorher: "Die Sorgen der Welt gegen die Globalisierung - das wird vielleicht die große politische Schlacht des 21. Jahrhunderts. "

Noch ist das eine eher intellektuelle Strömung. Falls die Wortführer jedoch die Regeln des Medienzeitalters gelernt haben, kann daraus sehr viel mehr werden. Wenn es ihnen gelingt, entweder für eine glaubhafte Personifizierung ihres Anliegens zu sorgen (Typ: Nelson Mandela) oder wenn sie die Produktion und Verbreitung der richtigen Bilder schaffen (Typ: Sterbende Möwe in der Ölpest), dann könnte sich die Wirtschaft auf spannende Debatten einstellen.

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