Medien : Das Sorgenkind

Doku über die leidvolle Geschichte des Pergamonmuseums

Christina Tilmann

Die Halle ist schwarz vor Menschen, es herrscht ein Gewimmel wie kurz vor Börsenschluss. Dann strömen die Besucher, aufgeregt tuschelnd, die Treppen des Pergamonaltars hinauf. Das Bild hat sich nicht wesentlich verändert, von den frühen Schwarz-Weiß- Aufnahmen des Jahres 1930 bis heute: Noch immer ist der Pergamonaltar die Hauptattraktion der Berliner Museumsinsel, rund 800 000 Besucher wollen ihn jährlich sehen.

Die Sequenz von der Eröffnung des Pergamonmuseums 1930 ist eines der Highlights des Films „In den Katakomben des Pergamonmuseums“. Carola Wedel hat sich in der dritten Folge der zehnteiligen Serie über die Restaurierung der Museumsinsel das „Sorgenkind“ der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vorgenommen: das Pergamonmuseum. Und hat wunderbares Material zutage gefördert: „Wochenschau“-Sequenzen, in denen Hitlerjungen den Pergamonaltar mit Sandsäcken vor dem Bombardement schützen, Honecker, der Indira Ghandi durchs Museum führt. Wer mehr wissen will, sei auf den Begleitband verwiesen (Das Pergamonmuseum. Hrsg. Carola Wedel, nicolai-Verlag, 24,90 Euro)

Das Pergamonmuseum ist Berlins größtes, beliebtestes und ruinösestes Museum – und jenes, das am längsten auf seine Restaurierung wird warten müssen. Noch mindestens 15 Jahre rechnet Stiftungspräsident Klaus- Dieter Lehmann bis zur Fertigstellung, Architekt Oswald Mathias Ungers ist sich nicht sicher, den Baubeginn noch zu erleben. Seit Juni 2003 ist das Museum innen eingerüstet, da das Glasdach herabzufallen droht.

Wie es soweit kam, zeigt der Film im Rückblick: Das erste, kleine Museum für den 1878 entdeckten Pergamonaltar musste 1908 wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Alfred Messel, Architekt des Berliner Kaufhauses Wertheim, bekam den Auftrag, sollte die Vollendung aber nicht erleben. Sein Freund Ludwig Hoffmann setzte den Bau fort. 1930 wurde das Museum ohne den geplanten vierten Flügel eröffnet. Es folgten Kriegsschäden, mühevolle Restaurierungen zu DDR-Zeiten und seit 1990 die Vereinigung der Sammlungen des Museums für Islamische Kunst.

Carola Wedel steigt in die Katakomben des Museums, besichtigt die Ziegelsteinreste des Ischtar-Tors, die in Originalkisten verpackt auf einen puzzlefreudigen Restaurator warten. Und sie reist an die Stätten, in denen Archäologen einst die Schmuckstücke des Pergamonmuseums ausgruben. Spätestens hier wird klar, wie nah die jahrtausendealten Exponate der aktuellen Weltgeschichte sind: Stätten wie Assur, Babylon und Uruk standen im Irakkrieg in der Kampflinie. Dagegen nimmt sich ein bröckelndes Museum recht undramatisch aus.

„In den Katakomben des Pergamonmuseums“, 3 sat, 22 Uhr 25 .

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