Medien : Das Spatzl und seine Trolle

Der Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek zum 75.

Katrin Hillgruber

Der Bergkristall wird dem Sternzeichen Löwe zugeordnet und steht für innere Klarheit, Ruhe und Kraft. Oft sah man die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek bei Fernsehinterviews in der Hand einen Bergkristall wiegen, und wie keine Zweite ihres Fachs verkörpert sie die genannten Eigenschaften. Auch trinke sie gerne entschlackendes warmes Ingwerwasser und verachte fleischliche Nahrung und Schnittblumen, wird neben vielen anderen esoterischen Besonderheiten bis Marotten über sie kolportiert. Sie selbst hat dieses Image kräftig befördert, nicht zuletzt als Buchautorin von Werken wie „Engel, Elfen, Erdgeister“ oder „Das Flüstern Pans“, dennoch hat es ihren darstellerischen Ruhm zu keiner Zeit beeinträchtigt. Durch die Fernseh-Straßenfeger ab Mitte der 60er erlangte Ruth Maria Kubitschek ungeheure Popularität. 1966 spielte sie die mysteriöse Melissa Foster in dem Durbridge-Mehrteiler „Melissa“ neben Günther Stoll als ihrem Ehemann und dem knorrigen Ostpreußen Siegfried Wischnewski als Inspektor Cameron.

Schon als Kind hatte sich die 1931 im böhmischen Komotau geborene Ruth Maria Kubitschek für den Schauspielerberuf entflammt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs floh ihre Familie nach Sachsen-Anhalt, wo die Eltern in der Sowjetischen Besatzungszone eine „Neubauernstelle“ annahmen, um ihre fünf Kinder zu versorgen. Gegen alle Widerstände besuchte Tochter Ruth Maria die Hochschule für Theater und Musik in Halle sowie das Stanislawski-Institut in Weimar. In Halle debütierte sie als Stubenmädchen Fina in Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“, weitere Stationen waren Ost-Berlin und Schwerin. Sie wirkte auch in Dramenadaptionen des DDR-Fernsehens wie „Rose Bernd“ und in DEFA-Produktionen wie „Jacke wie Hose“ mit. Nach einem Gastspiel in Celle 1959 blieb Kubitschek im Westen, und am Celler Theater wurde zu ihrem großen Glück der Regisseur Fritz Kortner auf sie aufmerksam. Er engagierte sie unter anderem für seine Münchner Othello-Inszenierung.

„Geh, Spatzl, schaug, wia i schaug“: Diese Aufforderung und dazu der flehentliche Dackelblick des ewigen Stenzes „Monaco Franze“ alias Helmut Fischer, wer konnte da schon widerstehen? Die distinguierte Münchner Antiquitätenhändlerin Annette von Soettingen, die Ruth Maria Kubitschek ab 1983 spielte, jedenfalls nicht – mit einem gütigen Seufzen schloss sie ihren Film-Ehemann nach jeder Eskapade wieder in die Arme. Helmut Dietls grandioses Münchner Sittengemälde bescherte Ruth Maria Kubitschek einen zweiten Höhepunkt ihrer Karriere. Die Rolle der warmherzigen und doch distanzierten Diva liegt ihr wie keine andere, was sie auch als – wiederum adlige – Zeitungsverlegerin Friederike von Unruh in Dietls Nachfolge-Serie „Kir Royal“ bewies. Egal, ob sie in ihrem edlen Büro Starreporter Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz) ihre Beine nach der Krampfaderoperation zeigt oder endlich disziplinarische Maßnahmen anwendet – sie bleibt stets eine Grande Dame, deren ebenmäßiges Antlitz ein ganzes Panorama von Gefühlsregungen verbirgt. Wegen dieses Talents zum Geheimnis verpflichtete sie auch der Regisseur Wolf Gremm immer wieder für seine oft haarsträubenden Psychothriller.

Als sie nach eigenen Angaben zunehmend spürte, als ältere Schauspielerin weniger gefragt zu sein, entschloss sich Ruth Maria Kubitschek 1991 zu einem radikalen Neubeginn: Sie verließ München, um in Fruthwilen am Schweizer Ufer des Bodensees auf 3500 Quadratmetern ihr persönliches Paradies anzulegen, den „Garten der Aphrodite“. Der Berliner „Traumschiff“-Produzent Wolfgang Rademann, mit dem sie seit Jahrzehnten eine Fernbeziehung führt (Sohn Alexander stammt aus ihrer geschiedenen Ehe mit dem Opernintendanten Götz Friedrich), halte es als Großstadtpflanze in ihrem grünen Reich der Trolle höchstens drei Tage aus, sagt sie. Die Meditationsgruppe trifft sich hingegen einmal pro Woche bei ihr, und als Laotse-Anhängerin zählt Ruth Maria Kubitschek nicht zuletzt Geduld zu ihren Stärken. Heute, im Sternzeichen des Löwen, feiert sie ihren 75. Geburtstag.

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