Medien : Das Verhör der Maria Lorenz

Ein verlorener Engel und ein einarmiger Kommissar in einem intensiven „Polizeiruf 110“ von Dominik Graf

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„Er sollte tot“, sagt sie irgendwann einmal. Das ist während des tagelangen Verhörs durch Kriminalhauptkommissar Tauber (Edgar Selge). Und dann, später, fällt ihr selbst auf, dass sie immer sagt „Ich soll“, „ Ich muss“, und „Er sollte“, „Er musste doch“. Immer steht Druck dahinter. Zwang. Müssen. Auch Phobisches. Panisches. Maria Lorenz (Rosalie Thomass), eine junge Frau so Anfang zwanzig, soll einen Mord begangen haben. Den Rentner Johannes Waller (Josef Thalmaier) soll sie in seinem Haus in Erding, da draußen auf dem idyllischen Land vor München, umgebracht haben. Brutal erwürgt.

Die Bilder, die dann viel später den wirklichen Tathergang zeigen, haben etwas zutiefst Beklemmendes. Tauber erfährt von dem Mord an einem jener beschaulichen Sonntagvormittage, an denen er für gewöhnlich mit seinem älteren Kollegen und früheren Chef Kruppke (Jochen Striebeck) Billard spielt. Beide fahren sie zum Tatort, beide beginnen sie zu ermitteln, liegt der Fall zwar im Zuständigkeitsbereich von Tauber und seiner Kollegin Obermaier (Michaela May), fä llt er jedoch auch in Kruppkes Revier Erding. Erst Kompetenzgerangel, dann ein merkwürdiges Verhör von Maria durch Kruppke, dann, später, als sie Maria freilassen müssen, eine Autoverfolgung, bei der Obermaier sich den Hals verrenkt und fortan mit Halskrause und Stock zu sehen ist, wenn sie überhaupt zu sehen ist. Und Kruppke, er erliegt einem Herzinfarkt, fast noch in Taubers Armen. Ein harter, ein schwerer Fall.

Tauber muss allein ermitteln, verhört Maria wieder. Sie, die im Prostituiertenmilieu arbeitete, die per Anzeige zu älteren, einsamen Männern kam und diese wegen ihrer eigenen angeblich zu operierenden Mutter um zigtausende Euro erleichterte und ihnen zugleich versprach, sich um Haushalt und Essen und sonstige Zuwendungen zu kümmern.

Maria, die Geschichtenerfinderin. Maria, die mehrere Wahrheiten hat. Maria, die im Internat war und dann ins Milieu rutschte, und bei der es keine zu operierende Mutter gibt. Maria, die Einsame. Im Verhör mit Tauber beginnt sie manchmal abrupt zu zittern, wirkt, als ziehe sie sich panisch-autistisch in ein Reich zurück, zu dem sonst niemand Zugang hat. Dann ist sie anderswo. Ist nicht von dieser Welt, von der sie doch so jung schon so geformt ist, seelisch deformiert, innerlich verkrü ppelt.

Maria und Tauber. Das ist das Epizentrum des neuen Münchner „Polizeiruf 110“, dessen Drehbuch Rolf Basedow geschrieben hat und dessen Regie bei Dominik Graf liegt. Beide haben sie schon mehrfach zusammengearbeitet, etwa bei „Hotte im Paradies“ oder „Sperling und der brennende Arm“. Basedow hat sich bei seinen Recherchen zu diesem Stoff auf eine reale Begebenheit gestützt, auf einen Fall, der so ähnlich in Schleswig-Holstein geschah. Und er suchte die reale „Maria Lorenz“ und den realen verhörenden Kommissar auf.

Hier, im „Polizeiruf 110“, sind es nun Maria und Tauber, die sich am langen Tisch gegenübersitzen. Manchmal, da wirkt dieses Verhör zwischen dem einarmigen Kommissar und dem verlorenen Engel wie ein Duell. Manchmal, da wirkt es fast wie ein Flirt. Und manchmal wie ein Zwiegespräch zweier Einsamer, auf die nirgendwo mehr jemand wartet. Alles hier ist ambivalent, alles ist zwiegespalten und mehrdeutig. Nichts scheint eine Klarheit zu haben, eine Eindeutigkeit. Die Wahrheit, Marias Wahrheit, sie hat viele Seiten. Es ist so, als wisse sie sie selbst nicht. In Maria spiegelt sich eine Einsamkeit, eine Gebrochenheit, die unangenehm berührt und über dem ganzen Film liegt. Das liegt an der jungen, einnehmenden Rosalie Thomass, die 1987 geboren wurde und gerade ihr Abitur in München absolvierte, und es liegt daran, wie sie von Dominik Graf geführt wird. Wie überhaupt dieser Fernsehfilm ein so anderer ist. Abseitig, im positiven Sinne. Man könnte auch sagen: Singulär. Ein Graf-Film eben. Das geht bei dem eigenwilligen Titel schon los. Oder wer sonst nennt seinen Krimi „Er sollte tot“?!

„Polizeiruf 110: Er sollte tot“: ARD, um 20 Uhr 15

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