Medien : „Das wäre ja gelacht“

Film der Woche: Die Geschichte eines Krebskranken – als Komödie

Barbara Sichtermann

Was die Religion, als sie das Lebensgefühl der Menschen noch durchdrang, immerhin lehrte, war der Respekt vor dem Leid. Der Bruder oder Nachbar mit einer Krankheit zum Tode galt als Prüfling Gottes und so aller Achtung wert. Die profane Welt zollt nicht nur keinen Respekt mehr, sie geht oft genug so weit, dem vom Schicksal Geschlagenen sein Leid auch noch zum Vorwurf zu machen. Für die Kliniken ist der Kranke ein Wirtschaftsfaktor, für die Familien eine Last, für die Allgemeinheit eine Leiche auf Urlaub. Es ist zum Heulen.

Oder zum Lachen? Kann man die Geschichte eines krebskranken Jünglings als Komödie aufführen und dann auch noch so, dass die eben vorgetragene Fundamentalkritik am Umgang mit den Moribunden gut sichtbar zwischen den Bildschirmzeilen hindurchschimmert? Und bleibt so ein Werk dann noch eine Komödie – mit treffenden Pointen und genuinem Spaßfaktor? Man glaubt es kaum, aber das geht. Robert Schwentke hat mit „Eierdiebe“ eine schwarze Komödie vorgelegt, die echt zum Lachen ist und zugleich zum Schämen: dass wir als Gesellschaft uns diese Unmenschlichkeit leisten im Umgang mit Kranken. Aber vielleicht sollte man sich gar nicht wundern, dass ein witziger Film Sozialkritik verträgt, vielleicht ist es gerade die humorige Version, die dem grassierenden Egoismus, der heute angesagt ist, am ehesten beikommt. Lachhaft genug ist er ja, der kollektive Egotrip.

Der Student Martin Schwarz, auf dem besten Wege zum Karriere-Mann, bricht zusammen. Hodenkrebs. Nach der ersten OP erfolgt die nächste Schreckensdiagnose: der Krebs hatte gestreut, eine Totalkastration steht bevor. Die Alternative: Chemo-Therapie mit unsicherer Aussicht auf Heilung, wird nicht empfohlen. Doch Martin beschreitet, um seine Männlichkeit zu retten, diesen schwierigeren Weg. Wie er und zwei Leidensgenossen, die seine Kumpels werden, den Klinikalltag bewältigen, den Infusionsständer stets im Anschlag, das erzählt der Film mit drastischen, aber nie degoutanten Szenen, in bewegenden, nie rührseligen Bildern, mit bitterem Spott, den die Richtigen abkriegen: das Klinikpersonal, dessen Zynismus überraschend komisch ist und die Familie Schwarz, die den nicht mehr funktionierenden, veränderten Sohn quasi ausstößt, ferner der ganze inhumane medizinisch-technische Komplex, der (völlig realistisch) wie eine von infantilen Bösewichtern konstruierte Todesmaschine inszeniert wird. Die Kranken, Martin und Freunde, erscheinen als die einzigen Menschen in einem monströsen Panoptikum, das jeder, der mal schwer krank war, aus dem wirklichen Leben kennt.

Wotan Wilke Möhring als Martin taumelt Simplizissimus-mäßig durch den Schauplatz Krankenhaus. Wunderbar spielt er den Fassungslosen, der weniger über den Krebs als über die Verleugnungsrituale seiner Mitwelt erschrickt. „Ich hab doch kein’ Krebs?“ fragt er den Doc, dem nichts anderes einfällt als: „Nun machen Sie sich mal keine Sorgen. Sie sind hier in guten Händen. In den besten.“ Die Mutter redet nur von der Zukunft, wenn der Junge sich erneut auf die Karriereleiter geschwungen haben wird. Sie schleppt Bücher ans Krankenbett: „Das wäre ja gelacht, wenn wir das nicht aus der Welt kriegten!“ Ohne Worte wendet Martin sich vom Zweckoptimismus ab . Die kleine Gegenwelt der verschworenen Patienten wird sein neues Zuhause. Ein Mädchen ist dabei, Susanne (bezaubernd: Julia Hummer), die Schlaftabletten für den Ernstfall sammelt und Martin küsst. „Alles, was lebt, muss sterben“, sagt sie, als die beiden draußen spazieren gehen. Und füllt damit einen dieser raren Fernsehmomente aus, in denen ein ganz trivialer Satz durch seinen Kontext, durch die Stimme, die ihn spricht und das Gesicht, das dabei leuchtet, wieder Bedeutung kriegt. Susanne überlebt nicht, irgendwann sieht man ihr leeres Bett. Trotz dieser und anderer tieftrauriger Szenen bleibt der Film seinem Genre treu und der Zuschauer zum Lachen geneigt. Eine tolle Balance! Und ein starker Ausgleich für das Defizit, mit dem sich die säkulare Gesellschaft in Sachen Tod und der Angst vor ihm herumschlägt.

„Eierdiebe“: Freitag, Arte, 20 Uhr 45

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