Medien : „Das wäre Kapitulation gewesen“

Bleiben oder gehen? Fritz Pleitgen über seine fünf Jahre als Korrespondent in der DDR

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Herr Pleitgen, haben Sie Sehnsucht nach der DDR?

Nach der DDR nicht, aber nach Ostdeutschland. Ich denke mit einem gewissen Staunen an die DDR zurück. Dass es sie tatsächlich gegeben hat – heute scheint das unwirklich. Ich bin nicht gerne in die DDR gegangen. Im Grunde war der Staat ein Graus. Allein schon wegen der Mauer. Mich hat das belastet.

Und trotzdem sind Sie fünf Jahre geblieben und haben für die ARD als Korrespondent gearbeitet.

Mein Arbeitgeber hat mich dazu überredet, ich wollte das zunächst nicht. Die Menschen in der DDR haben meine Meinung geändert. Wir fühlten uns in einem Boot. Ich erfuhr, dass Deutschland nicht an der Elbe aufhört. Wir Westdeutschen wussten das zwar irgendwie, aber gefühlt haben wir es nicht. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus habe ich noch heute eine starke innere Beziehung zu Ostdeutschland.

Sie klingen wie ein Veteran.

Ja, die Menschen in Sachsen und Thüringen begrüßen mich auch so. Vielleicht spüren sie, dass ich ihnen nahe stehe. Wenn ich heute in Westdeutschland von früher erzähle, dann merke ich: Viele haben die DDR schon fast vergessen.

Waren die Zeiten damals aufregender?

Journalistisch war das eine wichtige Lebenserfahrung. Wir haben damals unter Zensur gearbeitet. Jedes Interview musste beantragt, quasi jedes Vorhaben musste angemeldet werden. Das waren keine normalen Bedingungen für Journalisten.

Dennoch haben Sie versucht, ganz normale Berichte zu machen.

Unser Publikum wusste, unter welchen Bedingungen wir arbeiteten. Es hörte genau hin. Wenn wir von der SED in einen Betrieb geführt wurden, wussten wir, dass alles für uns hergerichtet worden war. Dann haben wir im Bericht gesagt: Das ist ein Vorzeigebetrieb. Das haben die Leute verstanden.

Gab es noch andere Tricks?

Als der Hausarrest gegen Robert Havemann aufgehoben wurde, bin ich zu ihm gefahren und habe ein Interview mit ihm gemacht. Ich hatte dafür aber keine Genehmigung. Also habe ich die Fragen einem anderen ins Ohr geflüstert, und der hat Havemann die Fragen gestellt. Dadurch hatte ich selbst – formal gesehen – kein Interview geführt.

Darauf sind Sie noch heute stolz?

Nicht wirklich. Ich habe das meinen Kindern erzählt. Die haben nur mit dem Kopf geschüttelt und gefragt: Sag mal, das findest Du toll? Solche Bedingungen hast Du akzeptiert?

Was haben Sie Ihren Kindern geantwortet?

Ich habe gesagt, die Alternative wäre Ausweisung gewesen. Darauf wartete das DDR-Regime nur. Es wollte die Westjournalisten loswerden. Wir durften uns nicht provozieren lassen. Die DDR hatte 1979 mit der Veränderung der Durchführungsbestimmungen zur Journalistenverordnung…

…. die scheinen Sie ja geprägt zu haben…

… da können Sie mal sehen, wie tief das noch in mir steckt. Mit dieser Verordnung hatte die DDR einfach die Spielregeln verändert, und die Bundesregierung musste das akzeptieren. Uns blieb auch nichts anderes übrig. Man kann sagen, auch wir haben uns mit dem Regime grundsätzlich arrangiert, indem wir diese Bedingungen akzeptiert haben. Oder wir hätten gehen müssen. Das wäre Kapitulation gewesen. Das wollten wir nicht. Wir haben uns mit der Parole Mut gemacht: Wir senden bis zum Gehtnichtmehr.

Und das war Ihre Mission?

Wir wollten unseren Auftrag erfüllen, so viel wie möglich zu berichten. Das war nicht immer leicht. Als wir Jugendliche in Dresden bei einer Demonstration vor der Kreuzkirche filmten, baten die Veranstalter von der Kirche, auf die Bilder zu verzichten. Wir haben diese Bilder dann nicht gesendet. Der Pfarrer der Kirche hat sich vor kurzem bei mir dafür bedankt. Aber ich weiß bis heute nicht, ob das richtig war.

Dadurch, dass Sie die Bilder nicht gesendet haben, taten Sie auch der DDR-Führung einen Gefallen.

Leider ja, aber es ging um Menschenschicksale. Es ging auf beiden Seiten verlogen zu. Wenn wir Drehgenehmigungen erhalten wollten, erzählten wir, wir wollten den Beitrag im Sinne des Friedens und der Völkerfreundschaft machen. Aber in Wirklichkeit wollten wir an die Realität ran, die nicht so toll aussah. Wir wussten ja, dass die Gegenseite alles andere als ehrlich mit uns umging.

Haben Sie die Ost- und Entspannungspolitik von Willy Brandt auf Ihre Arbeit übertragen?

Ich bin davon überzeugt, dass die Ostpolitik richtig war. Aber ich würde zugestehen, dass die Ostpolitik gelegentlich zu missionarisch betrieben wurde und damit bestimmte Entwicklungen in der DDR nicht rechtzeitig erkannt wurden. Davon habe ich mich vielleicht auch anstecken lassen.

Die SED und die Stasi hatten die uneingeschränkte Macht.

Wir wussten schon, dass die Stasi überall war. Ich habe aber doch unterschätzt, dass die Stasi mit diesem horrenden finanziellen und personellen Einsatz diesen Staat flächendeckend überwacht. Ich habe erst später aus meiner Stasi-Akte erfahren, in welchen Verhältnissen wir da lebten und arbeiteten. Ich habe das damals auch weggedrängt, sonst wäre man ja schizophren geworden.

Bei britischen Journalisten gilt es als eine Frage der Ehre, für den eigenen Geheimdienst zu arbeiten. Wie hielten das die westdeutschen Journalisten?

Ich bin nie angesprochen worden.

Das Gespräch führten Joachim Huber und Robert Ide.

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