Medien : Das wahre Leben

Mit „True Live“ rückt MTV den Zuschauer wieder in den Mittelpunkt

Hannah Pilarczyk

Das ist nicht revolutionär. Ein Fernsehteam begleitet einen Amateur-Bodybuilder, eine Möchtegern-Schauspielerin und einen Nachwuchs-Footballspieler einen Sommer lang. Keiner der drei ist ein Star und keiner wird sein für den Sommer gestecktes Ziel erreichen. Anthony wird nicht Profi-Bodybuilder, Kat verliert ihren Schönheitswettbewerb und Ryan ist auch nach einem Sommer pausenlosen Essens zu leicht für seine Spielerposition. Drei kleine Geschichten davon, wie sich Ehrgeiz und Erfolg einfach nicht decken wollen. Drei kleine, wahre Geschichten, könnte man sagen. So wahr jedenfalls, wie es im Fernsehen eben möglich ist.

„True Life“, wahres Leben, heißt die preisgekrönte Doku-Serie des US-amerikanischen Musiksenders MTV, die ab heute auch auf dem deutschen Ableger läuft. Den Anfang macht die Folge „I want the perfect body“, die den Kampf von Anthony, Kat und Ryan mit ihrem Körper zeigt. Die nächsten Episoden drehen sich nach der Schönheitschirurgie um peinliche Eltern und Ecstasy-Rausch. „Den Alltag ganz und gar nicht alltäglicher Zeitgenossen“ soll „True Life“ laut MTV zeigen. Zumindest in der ersten Folge sind die Protagonisten aber sehr alltäglich. Und genau das ist für MTV dann doch wieder revolutionär.

Es war 1992 und in den USA herrschte Wahlkampf. Bill Clinton trat gegen George Bush Senior an und MTV America startete seine „Rock the Vote“-Kampagne. Mit aufwändigen TV-Spots und auf Pop-Konzerten sollten Erstwähler dazu ermutigt werden, sich als Wähler zu registrieren und zur Wahl zu gehen. Ohne Anmeldung dürfen in den USA Wahlberechtigte nicht abstimmen. Der Erfolg der Kampagne war überwältigend – an der folgenden Präsidentschaftswahl nahm ein Viertel mehr Erstwähler teil – und doch nicht überraschend. MTV war einfach ganz nah dran an seinen Zuschauern und an den Dingen, die sie bewegten. Am Welt-AIDS-Tag zeigte der Sender Features über die Krankheit und warb für Safer Sex. Bei MTV-Award-Shows wurde Freiheit für Tibet gefordert. Man stritt um den „Parental Advice“-Aufkleber für CDs mit umstrittenen Texten. Und in den Videos riefen Rap-Gruppen wie Public Enemy „Fight the Power“. MTV war politisch, zumindest von der Attitüde her. Kein Zufall, dass 1992 das Jahr war, indem Bill Clinton auf MTV Saxophon spielte. Dann ging etwas schief.

Vielleicht hatte es etwas mit dem Aufkommen von Grunge-Rock zutun. Die Musik zorniger junger Männer wie Kurt Cobain von Nirvana ließ den Weltverbesserer-Pathos der letzten Jahre lächerlich aussehen. Vielleicht lag es aber auch am Erfolg von Techno, das sich in Europa zur dominierenden Jugendkultur entwickelte. Die Erfahrung von durchtanzten Nächten inmitten von Menschenmassen war in Drei-Minuten-Videoclips einfach nicht mehr darzustellen.

Egal, woran es letztlich lag, jedenfalls hatte MTV den Kontakt zur Lebenswelt seiner Zuschauer verloren. Doch wie den Ruf als Leitmedium der Jugend erhalten? MTV orientierte sich kurzerhand um und setzte fortan auf Bombast. Das hieß noch mehr überzogene Award-Shows und noch mehr (US-amerikanische) Superstars. Eine Mischung, die zumindest für Deutschland nicht stimmte. 1994 wurde Viva als Gegenentwurf gegründet, klein, kumpelhaft, deutsch. Und vermutlich gerade deshalb ein sofortiger Erfolg.

Mit „True Life“ macht MTV nun wieder zaghafte Schritte auf altem Terrain. Bislang laufen abends vor allem grelle Star- und Klatschmagazine, die wie „Exclusiv“ mit Drogen, aber ohne Dieter Bohlen daher kommen. Nun ist zu dieser Zeit erstmalig wieder ein durchaus ernst zunehmender Dokumentarfilm zu sehen. Besonders sind dabei nicht die Stilelemente, die eingesetzt werden, sondern die, auf die verzichtet wird. Keine schnellen Schnitte, keine günstige Beleuchtung, keine suggestive Musik, und vor allem: kein Kommentar. „True Life“ zeigt einfach den Bodybuilder Anthony, wie er sich grammgenau Hühnerfleisch und Gemüse abwiegt und dabei erzählt, dass er nur noch soviel isst, dass er seine Körperfunktionen aufrechterhalten kann. Ein Blick in die Kamera, Stille. Das ist guter Doku-Standard, nicht mehr. Aber für MTV halt wieder eine Menge. Vielleicht besinnt sich der Sender jetzt ja auch wieder auf seine ganz ursprüngliche Stärke und zeigt etwas, was in den letzten Jahren abends noch seltener als Dokus zu sehen war: Musikvideos.

„True Live – Plastische Chirurgie“, MTV, Sonntag, 22 Uhr

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