Medien : Das Weiche und das Harte

Thomas Gehringer

Die acht führenden Fernsehsender in Deutschland boten - jedenfalls vor dem 11. September - täglich weniger neues Programm und darunter immer weniger politische Informationen. "Alle Fernsehprogramme sind unterhaltungsorientiert", sagte Professor Hans-Jürgen Weiß gestern in Köln und nahm dabei ARD und ZDF ausdrücklich nicht aus. Seit 1997 erhebt Hans-Jürgen Weiß von der Potsdamer Göfak Medienforschung Daten für den alle zwei Jahre erscheinenden "Programmbericht zur Lage und Entwicklung des Fernsehens in Deutschland". Während die Sender sich in eigenen Auftragsstudien gerne selber loben, darf die Weiß-Untersuchung im Auftrag der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) als unabhängig gelten. Die gestern veröffentlichten Zahlen basieren auf detaillierten Analysen aller Sendungen in der ersten Aprilwoche 2001.

Vor dem 11. September hielt die Tendenz, auf harte politische Informationen in der Hauptsendezeit - bei Weiß 18 bis 23 Uhr - immer mehr zu verzichten, weiter an. Die stärksten Rückgänge haben ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Programme vorzuweisen, allerdings auf deutlich höherem Niveau als die privaten. Die ARD widmete 20,8 Prozent, das ZDF 20,4 der Prime-Time-Sendezeit Themen aus Politik und Wirtschaft, vor zwei Jahren waren es jeweils noch 22,7 Prozent. Damit werden die Privatsender freilich um Längen geschlagen: RTL bringt es gerade noch auf 4,4 Prozent, RTL 2 ebenso wie Sat 1 auf 2,5, und Schlusslicht ist Kabel 1 mit 0,4 Prozent. Bei den Privatsendern dominieren im Gegensatz zu ARD und ZDF eindeutig die Mischformen aus Information und Unterhaltung: Bei RTL etwa sind es vor allem Human-Touch-Themen etwa über Stars oder Kriminalität, landläufig Sex & Crime genannt (17,6 Prozent). Darauf setzen im Spektrum der eigenen publizistischen Anstrengungen auch Sat 1 (7,3) und RTL 2 (3,7). Von Weiß so genannte nicht-politische Sachthemen wie etwa Naturfilme dominierten bei Vox (9,1 Prozent), Pro 7 (5,9) und Kabel 1 (4,1).

Aber auch bei ARD und ZDF waren solche "weichen News" auf dem Vormarsch: Im Ersten wuchs der Anteil der nicht-politischen Sachthemen von 3,4 auf 9,7 Prozent, und im Zweiten stieg die Bedeutung der Sex-&-Crime-Themen von 2,5 auf 4,5 Prozent. Über die Einteilung in solche Kategorien ließe sich im Detail gewiss trefflich streiten, und RTL-Chefredakteur Hans Mahr hat davon, wie zu hören ist, bei einer internen Präsentation der Untersuchung reichlich Gebrauch gemacht. "Alle Medienmacher sind nicht begeistert, wenn ihnen jemand von außen den Spiegel vorhält", bemerkte Hans-Jürgen Weiß in Köln dazu. Zumal die dürftigen Zahlen durchaus unschöne Konsequenzen haben könnten. "Vox, RTL 2 und Kabel 1 haben das, was man mit bloßem Auge ohnehin kaum erkennen kann, noch weiter reduziert. Das wird sich beim Kabel-Ranking irgendwann auswirken", drohte Deutschlands oberster Medienwächter, der DLM-Vorsitzende Norbert Schneider, mit einer zukünftig schlechteren Programmplatzierung in den Kabelnetzen.

Als "Vollprogramm" müssen auch diese Sender laut Rundfunkstaatsvertrag nicht nur Unterhaltung, sondern auch Information, Bildung und Beratung als "wesentlichen Teil des Gesamtprogramms" vorweisen können. Reine Unterhaltung, also Serien, Spielfilme, aber auch non-fiktionale Formate, machen dagegen den Löwenanteil aus, in der Hauptsendezeit zwischen 44 Prozent bei RTL und 68,4 Prozent bei Kabel 1. Auch ARD und ZDF bringen es laut Weiß auf über 50 Prozent.

Bemerkenswert ist darüber hinaus die Netto-Bilanz der täglich versendeten Fernsehware. Zieht man Werbespots, Programmtrailer, kurzfristige Wiederholungen von Sendungen und auch die in Mode gekommenen Teleshopping-Angebote ab, bleiben etwa beim Marktführer RTL nur etwas mehr als zwölf von täglich 24 Stunden übrig, die sich wirklich als neues Programm bezeichnen lassen - das sind im Vergleich zu 1999 rund zwei Stunden weniger. Vox bietet sogar nur 44 Prozent des 24-Stunden-Programms als eigene, frische Ware. Auch in diesem Sinne sind die so genannten Vollprogramme wohl höchstens noch halbvoll.

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