Medien : Das Weiße Haus wird weiblich

Starke Schauspieler tragen die Politserie „Welcome, Mrs. President“

Barbara Nolte

Der 16. Januar war für Geena Davis Glückstag und Pechtag zugleich. Am Abend wurde sie für ihre Titelrolle der Mackenzie Allen in der Serie „Welcome, Mrs. President“ mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Da hatte sie gerade erfahren, dass der Sender ABC die Serie nach der ersten Staffel auslaufen lässt.

Somit erging es der Politserie „Welcome, Mrs. President“ (US-Titel „Commander in Chief“) nicht besser als ihrem deutschen Pendant „Kanzleramt“, das vergangenes Jahr Maßstäbe im Serienfernsehen setzen sollte, doch über die zwölfte Folge nicht hinauskam. Aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit der beiden. An „Welcome, Mrs. President“ und „Kanzleramt“ kann man vielmehr die Unterschiede von deutschem und amerikanischem Serienerzählen sehen. „Kanzleramt“, das während der Ära Schröder von der Ära Schröder handelte, war so sehr dem typisch deutschen Fernsehrealismus verpflichtet, dass man in manchen Figuren ihre Vorbilder in der rot-grünen Regierung zu erkennen glaubte. Vor allem im bodenständig-jovialen Fernsehkanzler, den Klaus J. Behrendt spielte – nur dass Behrendt Schröders Charisma fehlte. Die Kopie war sogar schlechter als das Original. Das konnte nichts werden.

Geena Davis als Mackenzie Allen hat dagegen nichts, aber auch gar nichts mit George W. Bush gemeinsam. Eher schon etwas mit Harrison Ford in „Air Force One“. Offenbar scheinen die Amerikaner eine Idee von einem Idealpräsidenten zu haben, nach dem sie ihre fiktiven Präsidenten modellieren, selbst wenn es sich in diesem Fall erstmals um eine Frau handelt. Mackanzie Allen ist eine Liberale – auch das scheint für US-Film-und-Fernseh-Präsidenten zwingend zu sein. Sie ist sympathisch, sehr moralisch. Geena Davis gibt der Figur eine Mischung aus Glamour und mütterlicher Stärke. Sie spielt wirklich glänzend, genau wie Donald Sutherland in der Rolle ihres Widersachers Nathan Templeton, des zynischen Vorsitzenden des US-Repräsentantenthauses. Sutherland und Davis machen „Welcome, Mrs. President“ sehenswert. Es ist eine Schauspielerserie. Von der Machart her ist sie wenig außergewöhnlich, jedoch temporeich, teuer produziert, mit einem guten Schuss Pathos. Es ist amerikanisches Fernsehen in seiner besten Tradition. Fernsehen, das eine Welt erfinden oder zumindest aufladen und nicht wie das deutsche bloß abbilden will.

Nun haben es die Amerikaner in diesem Fall auch leichter. Das Präsidentenamt, das Weiße Haus strahlen von sich aus eine Faszination aus, die die Drehbuchautoren nur anzuspielen brauchen. US-Präsidenten haben, wie Templeton einmal zu Allen sagt, „die Macht, das Universum zu beherrschen“. Sie handeln und verhandeln nicht nur wie die deutschen Politiker. Mackenzie Allen verlegt Flugzeugträger und keine Beitragsbemessungsgrenzen.

In der Pilotfolge muss sie sich aber erst einmal gegen Männer durchsetzen, die sie als Präsidentin verhindern wollen. Das kennt man, das schien Merkels Schicksal zu sein. Allen ist nämlich nur die Vizepräsidentin, parteilos, aufgestellt, um liberale und weibliche Wähler zu binden. „Ein PR-Gag, eine riesige Luftnummer“, wie Templeton zu ihr sagt. Doch dann bekommt der Präsident einen Hirnschlag, und Allen ist die direkte Nachfolgerin. Sie soll verzichten, sagt ein Kabinettskollege. Das verlangt auch Templeton und schließlich sogar der Präsident selbst von ihr, der sie kurz vor seinem Tod auf der Intensivstation empfängt. Auch privat hat sie wenig Rückhalt: Allens Mann hadert mit der Rolle des First Gentleman, ihre pubertierende Tochter will nicht ins Weiße Haus ziehen. „Welcome, Mrs. Präsident“ ist auch eine Familienserie.

Und diese Familiengeschichten, diese weiche Seite der Macht scheint für die Serie sogar existenziell zu sein. Rod Lurie, ihr Erfinder und erster Produzent, hat den privaten wie den beruflichen Handlungsstrang genau austariert. Doch Lurie wurde gefeuert, weil er angeblich dem Stress nicht gewachsen war. Sein Nachfolger verlagerte den Schwerpunkt aufs Politische. Von den 17 Millionen Zuschauern, die die ersten Folgen sahen und die Serie zur erfolgreichsten des vergangenen Herbstes machten, stieg die Hälfte aus: Goodbye, Mrs. President.

Doch zumindest in ihren Synchronfassungen, die ABC ins Ausland verkaufte, hat die Serie nun ein zweites Leben. Sat 1 will mit ihrer Hilfe ab Dienstag seine Zuschauer aus dem Sommerloch ziehen. Und so kann sich die Welt schon mal an eine US-Präsidentin gewöhnen, während sich Hillary Clinton und Condoleezza Rice für ihre Präsidentschaftskandidaturen warm laufen.

„Welcome, Mrs. President“: Dienstag, 22 Uhr 15, Sat 1

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