Das Wunder von Berlin : Wahnsinn!

Die Maueröffnung 1989 als "Das Wunder von Berlin“: Welch ein Thema, was für Schauspieler - und was für ein dürftiger Fernsehfilm.

Kerstin Decker
Wunder von Berlin Foto: ddp
Berlin aus einer anderen Zeit - im Fernsehen. -Foto: ddp

BerlinDie öffentlich-rechtliche Fernseh-Geschichtsstunde Ost wird fortgesetzt. Was war das Wunder von Berlin im November 1989? Dass die Mauer aufging? Das auch. Aber es gab noch eins: wie diese DDR abgetreten ist. Das war geschichtlich einmalig. Noch nie hat sich eine bis an die Zähne bewaffnete, im Grunde zu allem entschlossene Macht einfach so aller Macht begeben. Die Grenztruppen haben nicht geschossen. Dabei lautete der Befehl in der Nacht des 9. November 1989 wie immer: die Staatsgrenze der DDR mit allen Mitteln zu schützen. Und am nächsten Tag fanden sich die Grenzsoldaten unter Blumen wieder.

Nach 1989 gab es nur noch Opfer und Täter, an das Wunder von Berlin – an die Täter, die nicht zu Tätern wurden, nicht in dieser Nacht – wollte keiner mehr denken, engstirnig, engherzig, wie die Deutschen oft sind. Obwohl sie etwas erfahren hatten, das über jeden Verstand ging – erst recht über den der Grenzschützer selbst.

Wenn es ein Verdienst dieses Fernsehfilms von Roland Suso Richter gibt, dann ist es, an dieses Wunder von Berlin zu erinnern. Erinnern zu wollen. Leider hat er die Erinnerung bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Dabei ist diese Historienschredderei nicht übel gespielt. Heino Ferch! Veronica Ferres! Michael Gwisdek! Sogar der wunderbare, lange von Bildschirmen und Leinwänden abwesende Schauspieler Hermann Beyer ist dabei. Aber handelt es sich hier nicht um einen Spezialfall des Missbrauchs? Zuletzt ist Suso Richter mit „Dresden“ aufgefallen: die Auslöschung einer Stadt als Kulisse für die Liebe einer jungen Krankenschwester.

Das ZDF hat ein „fiktionales Fernseh-Event“ gedreht. Immerhin in seinen Selbstkennzeichnungen neigt es zur Präzision. Der 9. November 1989 war aber kein Event, er war die Stillstellung und Explosion von Geschichtszeit.

Sommer 1988. Punk Marco, keine zwanzig Jahre alt, ist auf dem Weg zum Punkkonzert. Er begegnet seinem Stasioffiziersvater auf der Treppe des Familieneigenheims. Der Vater (Heino Ferch) zum Sohn im No-Future-Look (Kostja Ullmann): So gehst du nicht los! – Natürlich geht Marco so los, genau so.

Eine Anfangsszene, die eigentlich die Szene eines Endzustandes ist. Ja, das ist passiert, immer wieder. Die Kinder der Funktionäre lösten sich von der Welt ihrer Eltern, gingen eigene Wege. Man kennt die Namen: Monika Maron, Katja Lange-Müller, Thomas Brasch... Familien zerfielen auf oft sehr schmerzhafte Weise, und nichts war mehr zurückzunehmen. Und die, welche die Zukunft eines Landes aufbauen wollten, schafften das nicht einmal im Familienmaßstab. Punk zu sein, war eine weltanschauliche Entscheidung, im Westen wie im Osten. Dass aber ausgerechnet dieser Marco sich fortan rückverwandelt in den letzten Schild und das letzte Schwert der DDR – um beide im letzten Moment sinken zu lassen –m ist geradezu grotesk. Ausgerechnet in der Nationalen Volksarmee lernt Marco neu an diesen Staat zu glauben. (Wer von dort zurückkam, glaubte normalerweise an gar nichts mehr.) In der letzten Szene wird Marco in NVA-Uniform einem Weltaufgang beiwohnen (Maueröffnung!) und ihn als Weltuntergang empfinden.

Das ZDF und Drehbuchautor Thomas Kirchner haben immerhin eine Begründung für ihr Tun: Diesen Marco Kaiser gab es wirklich. Er hieß Tilo Koch (vgl. die nachfolgende Dokumentation). Allerdings hat der Teilzeit-Modepunk Tilo nicht die Loslösungen durchlebt und durchlitten, die „Das Wunder von Berlin“ suggeriert. Seine geistige und emotionale Trennung von der DDR fand erst nach der Wende statt. Der übergroße Teil der Gleichaltrigen hingegen war seit Mitte der Achtziger gleichsam nur noch physisch in der DDR anwesend und lebte ansonsten in Perestroika-, Punk- und sonstigen Parallelwelten, vor allem West-Welten. Das war nicht unbedingt ein Verdienst, sondern zuerst auch wieder Konformismus. Für den Staat zu sein, war die größte aller nur denkbaren Stigmatisierungen in der Jugendkultur der DDR.

Roland Suso Richter ging es um die Perspektive derer, für die der 9. November der schwärzeste Tag ihres Lebens war und der ganze Herbst 89 wie ein Countdown des Untergangs. Niemand hat damals an diese Fernsten, diese Ausgeschlossenen der Freude gedacht. Auch das war eine Paradoxie des zu engen, kleinen Landes DDR: Nirgends konnten Menschen sich ferner sein als dort. Aber Suso Richter hätte von einer anderen Generation erzählen müssen, von der, die noch an die DDR glaubte. Vielleicht von dem Maueröffner selbst.

Nein, das war nicht das Politbüromitglied Günter Schabowski – das war Harald Jäger, Offizier der Staatssicherheit, Leiter der Passkontrolleinheit an der Bornholmer Straße, der entgegen dem immer noch gültigen Befehl um 23.07 Uhr gegen die eigene Angst und die der anderen anbrüllte: Macht den Schlagbaum auf! Der Film hätte erzählen können, wie dieser Mann ganz allmählich seinen Glauben an den Sozialismus verlor.

Marcos Vater – Heino Ferch – ist Offizier der Staatssicherheit. Aber der Film gesteht ihm nur Karrierismus als Beweggrund seiner Laufbahn zu. Und ein vages Motiv, sich nicht vom Leben herumschubsen zu lassen wie noch sein Vater. Den hatte es als Kriegsgefangenen bis ins hinterste Russland verschlagen, ohne dass er etwas daraus lernte – unfähig zu historischer Erfahrung, aber mit eigenwilliger Stärke und stets dem falschen Kommentar zur falschen Zeit, wunderbar widerspenstig-witzig: Michael Gwisdek. Trotz allem gibt Heino Ferch der armseligen, verlogenen Existenz des Stasimannes etwas, das man geradezu Haltung nennen muss. Bei Ferch genügen Bruchteile von Blicken und Gesten, und es ist eine Aussage. Bloß welche? Woher soll Ferch das wissen? „Das Wunder von Berlin“ verrät seine Schauspieler.

Der Film hat seine wenigen glaubwürdigen Momente in den Familienszenen im Hause Kaiser, auch dank Veronica Ferres. Hat die Ferres, die „Frau vom Checkpoint Charlie“, das wirklich nötig, die Ostlerin vom Dienst zu werden, wollte man schon fragen. Aber ganz ohne Eitelkeit erfindet sie sich in jeder Rolle neu. Die Frau des Stasioffiziers ist zur Wendezeit beim „Neuen Forum“ – ihr glaubt man es.

Schweigen wir von den übrigen persönlichen und historischen Verwicklungen, es sind viele, verdächtig viele. Sollte die DDR wirklich Stasioffiziere als Berater in die doch immerhin bürgerliche Allende-Regierung Chiles geschickt haben?

„Das Wunder von Berlin“ ist ein typisches Produkt der Fernseh-Konsumgesellschaft, mit Sonderangeboten für jedermann. Ein historischer Gemischtwarenladen. Wer verlangt von einem Supermarkt eine Aussage? Wer erwartet, dass ein Kaufhaus ihn klüger macht? Und das alles komplementiert mit den familiären Schicksalsschlägen einer Vorabendserie. Der Name des Hauptschuldigen lautet Roland Suso Richter.

"Das Wunder von Berlin“, ZDF, um 20 Uhr 15; Dokumentation, 22 Uhr 30

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