Medien : Das Wunder von Mainz

Das ZDF zeigt eine anrührende Dokumentation über den deutschen WM-Sieg 1954

Helmut Schümann

Gegen Ende läuft doch die Zeit davon. Nur noch ein paar Minuten, die 86. hat schon begonnen – und es sollten doch noch ein paar Worte fallen über die Helden, die gestolpert sind. Ottmar Walter kommt ins Bild, der alte Melancholiker, und erzählt, wie er sein Alkoholproblem in den Griff bekommen hatte. Werner Kohlmeyer ist zu sehen als Pförtner eines Mainzer Verlages – und zu hören ist über ihn, dass er kurz zuvor noch ohne Obdach war, ohne Arbeit, ohne Familie und zwei Tage nach den Aufnahmen an einem Herzinfarkt verstarb. Und natürlich ist auch der Boss in diesen letzten Sekunden dabei, Helmut Rahn am Billardtisch, Helmut Rahn am Pilsken. Doch dann sind die 90 Minuten um, Aus! Aus! Aus!, die ZDF-Dokumentation „Das Wunder von Bern. Die wahre Geschichte“ – wohl nicht zufällig auf eine Fußballspiellänge von 90 Minuten angelegt – ist beendet, und es wirkte, als sei ihren Machern kurz vor Abpfiff noch gerade eingefallen, dass zur wahren Geschichte auch die tragische Geschichte dazugehört.

Wäre es ein Fußballspiel, man würde der verlorenen Zeit nachweinen. Aber wo hätten Sebastian Denhardt, Guido Knopp und Manfred Oldenburg, die Macher des Films, die Zeit vertändelt? Hätten sie verzichten sollen auf die staatstragende Bräsigkeit der Herrschaften Kohl, Helmut, Stoiber, Edmund, Thierse, Wolfgang, Schmidt, Renate, die allesamt Nichtigkeiten von sich geben bei der Bewertung des Fußballwunders vom 4. Juli 1954? Nein, diese Nichtigkeiten gehören ebenso in die Dokumentation wie der Pathos in der Stimme des Sprechers Rolf Schult, wie das „Hoch auf dem gelben Wagen“ im Originalton des Weltmeistermannschaftschores, wie die künstlich in die Fußballszenen gemischte Geräuschkulisse eines Fußballstadions, wie der Geist von Spiez, der sich einnistete im Mannschaftsquartier am Thuner See. Und wenn zur entscheidenden Spielszene ein schlagendes Herz als Geräuschbegleitung unterlegt ist, dann ist das kitschig und banal – aber sind Kitsch und Banalität nicht nachgerade Pflicht, wenn sich Helmut Rahn den Ball vom rechten auf den linken Fuß legt und ihn „stockvoll“ abzieht, wie Ottmar Walter sagt, rein ins linke untere Eck, hinein ins Herz der ungarischen Wundermannschaft. Wann sollte das Herz höher schlagen als in dieser Geburtsstunde der Republik?

Das Wunder von Bern. Die wahre Geschichte. Ob es die ganze Wahrheit ist? Ob nicht doch noch mehr hinter der Spritzenaffäre und dem Dopingverdacht stecken, die der Assistenztrainer Albert Sing noch loswerden will? Ob der Geist von Spiez nicht doch nur ein verblasster Mythos ist, wie Ersatztorwart Heinrich Kwiatkowski mehr traurig als verbittert berichtet? Ob der ungute Landser-Gehorsam nicht gehörig beigetragen hat zum großen Erfolg, wie Jürgen Leinemann, der Biograf Sepp Herbergers, ausführt? Und ob Deutschlands Fußball-Wesen keineswegs überall goutiert wurde, wie man aus der Äußerung von Pia Wyss, einer offensichtlich in Liebe zu Ungarns Star Ferenc Puskas entflammten Schweizer Landfrau, entnehmen kann?

Wer weiß das schon – oder warum will man das wissen? So wie es war, war es gut und war es schön. Und das haben die Filmemacher in wunderbarer Weise zusammengestellt, mit noch nie gesehenem Bildmaterial, in Farbe, in Schwarz-Weiß, erstmals sind alle fünf Endspiel-Tore zu sehen, erstmals auch das vermeintliche Ausgleichstor der Ungarn, dem Abseits vorausgegangen sein soll oder auch nicht. Bilder sind zu sehen aus dem Trainingslager der Ungarn, Bilder, die belegen, dass die Ungarn seinerzeit mit dem Ball schon mehr konnten als heute die halbe Bundesliga. Und immer wieder Zeitzeugen. Gyula Grosics, der Torwart, der die schauderhafte Geschichte erzählt, wie das Regime mit den Verlierern umsprang. Ottmar Walter, dem man zuhören mag und zuhören mag und zuhören mag. Und Hans Gottschalk, ein Zeitzeuge aus der ehemaligen DDR. Vor dem Radio hätten sie gesessen, er mit Freunden, damals im Juli ’54, nicht mehr ruhig sitzen hätten sie gekonnt und wären im Gänsemarsch um den Apparat herumgelaufen. Immer im Kreis, Runde um Runde. Und als Toni Turek, der Teufelskerl, den Sieg festhielt und Herbert Zimmermann gesamtdeutsch „Aus! Aus! Auuus!“ brüllte, da waren sie übereinander hergefallen und im Glück umgefallen.

Über den Tisch, auf dem das Radio stand, alles sei zu Boden gegangen, zu Bruch, „wir gingen zu Boden“, sagt Hans Gottschalk, „aber Deutschland ist Weltmeister“. Wem dann nicht zu helfen ist, weil er die Rührung ungerührt vorbeiziehen lässt, dem hilft keine Dokumentation der Welt mehr.

„Das Wunder von Bern. Die wahre Geschichte“: 20 Uhr 15, ZDF

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