Medien : Das ZDF dreht vor Breslau

Guido Knopp, Deutschlands bekanntester Historiker, macht ein Dokudrama zum Stauffenberg-Attentat – und Hitler ist ein Pole

Deike Diening[Breslau]

Wir vermissen Hitler. Er steht nicht in der Besetzungsliste. Kann es einen Film über das Attentat vom 20. Juli 1944 ohne Hitler geben? Ulrich Lenze, Produzent des ZDF-Dokudramas mit dem Arbeitstitel „Die Stunde der Offiziere“, sagt, Hitler habe bloß zwei Szenen. Da haben sie ihn von einem Polen spielen lassen, ein guter polnischer Schauspieler soll das gewesen sein, und doch kann auch er jetzt nur sagen, dass er Alex mit Vornamen geheißen und im Film nicht habe sprechen müssen.

Es ist seltsam gewesen, aus verdunkelten Scheiben eines silbernen Mercedes-Busses nach draußen zu gucken. Von Berlin bis Breslau den Blicken zu begegnen, die suchend an den Scheiben entlanggleiten. Aber wir sind nur ein paar Journalisten, die in drei Fahrzeugen für einen Tag nach Polen gefahren werden, um uns dort in einem Kiefernwäldchen vor Breslau, am Drehort für Guido Knopps Doku-Drama, einen Knall anzuhören. Den Höhepunkt zu sehen, wenn mit Stauffenbergs Bombe Hitlers Baracke in die Luft geht.

Jeder Journalist hatte in Berlin ein Lunchpaket bekommen. Unsere drei polnischen Fahrer fahren zügig, im Konvoi, und respektheischend über die Kreuzung. Unglaubliche Straßen, Einzelradaufhängung. Zuerst ein Stück auf Hitlers Autobahn. Dann Pässe zeigen, raus aus Deutschland, raus aus der EU. Fünfeinhalb Stunden verschärftes Tempo, es werden noch einmal so viele in die andere Richtung werden, Richtung Westen, heute Nacht. Nur um eine Explosion zu erleben, die das Zweite Deutsche Fernsehen geplant und die Polen gezündet haben? Oder was erhellt der Lichtblitz noch?

Es ist nämlich so, dass die Polen im Auftrag des ZDF vor Breslau die Wolfsschanze, Hitlers Machtzentrale im Zweiten Weltkrieg, auf einem Militärgelände nachgebaut haben. Genauer: die Baracke, die eigentlich in Rastenburg in den Masuren stand. Knopp sitzt dort, außerhalb der EU, in einem weißen Zelt breitbeinig vor einem Kekskorb, und sieht auf seine Art feldherrenhafter aus, als die Hauptdarsteller zu seiner Rechten im Wehrmachtskostüm, Harald Schrott, der den Graf von Stauffenberg spielt, Bernhard Schütz oder Klaus J. Behrendt. Aber hat Knopp im Unterschied zu diesen wirklich etwas zu befehligen? Eine Armee von Historikern, Redakteuren, Schauspielern und ein öffentlich-rechtliches Budget? Es solllen 1,7 Millionen Euro sein. Erheblich weniger, als die fünf Millionen, die die ARD für ihren Spielfilm zum Thema zur Verfügung habe.

Also, Herr Knopp, warum sind Sie bis nach Breslau gezogen? Ist dies ein Polenfeldzug? Es ist der Preis, sagt Knopp. Nachbauten in Polen sind billiger als zum Beispiel im Bendlerblock in Berlin zu drehen. Der Produzent Ulrich Lenze schaltet sich ein. Eine „wunderbare Arbeit“ der Polen sei das hier, solch eine Qualität könne man in Deutschland gar nicht bezahlen. Die Kostüme, die Masken, die Kulissen, so täuschend echt – nur der polnische Hitler ist schon weg. Manchmal, erzählen sie, erschienen polnische Offiziere und ließen sich mit den polnischen Komparsen in deutschen Wehrmachtsuniformen fotografieren.

Für Knopp gibt es hier auch etwas zu gewinnen, den Wettlauf mit der ARD nämlich, im Jahrestage-Wettrüsten, wenn sich zum Sendetermin im Sommer das Attentat zum 60. Male jährt. „Wer zuerst sendet, bekommt in jedem Fall die meisten Zuschauer, unabhängig von der Qualität des Beitrags“, erklärt Knopp die Logik des Fernsehens. Er streift jetzt mit wechselnden Gesprächspartnern unter den Kiefern herum. Es ist frisch hier draußen. Knopp geht sehr gerade. Die Natur hat ihm Größe gegeben. Letzteres hat er aus der Medienschlacht um den 17. Juni gelernt, bei der es drei Sendungen mit chronologisch abfallenden Zuschauerzahlen gab.

Um ihn herum fallen die Kommandos auf polnisch und deutsch. In den ersten drei Tagen hatte der Dolmetscher viel zu tun. Jetzt beginnen die Deutschen, polnische Worte zu lernen und umgekehrt. Das real existierende Deutschland begegnet dem real existierenden Polen. Darin sprüht die unglaublich gute und ebenso günstige polnische Maskenbildnerin Harald Schrott noch ein bisschen Haarspray an den Kopf. Die Frisur sitzt. Die exzellenten polnischen Maskenbildner verteilen Blut auf den Köpfen der exzellenten polnischen Komparsen. „Alles maßgeschneidert“, sagt jemand vertraulich und deutet auf die Wehrmachtsuniformen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie besser sitzen, als die Originaluniformen an den Originalen. Nie würden die Polen murren, wenn es mal länger dauert. Warum nur klingt es, als wäre das ZDF im Urlaub hier und schlüge ein Schnäppchen nach dem anderen?

Piotr Strzelecki von der polnischen Partnerproduktion „Tempus“ sagt, der polnische Film habe kaum Geld. Es gebe sonst wenig Möglichkeiten, in Polen einmal einen historischen Film zu drehen. In seinem Gesicht tut sich nichts. Könnte es nicht seltsam sein, wenn die Polen nun die Wehrmachtsuniformen wieder durch die Stadt gehen sehen? Hitler inklusive? Strzelecki versteht die Frage gar nicht. Wieso, sagt er, die Leute in Breslau sind Filmproduktionen gewöhnt.

Es scheint, als seien es doch nur wieder die Deutschen, die ihre eigene Schreckhaftigkeit bei diesem Thema auf die anderen projizieren. Während die historischen Beziehungen, längst ersetzt sind durch die realen, also die wirtschaftlichen Beziehungen. Funktionieren die nicht reibungslos? Man sieht ein gut gelauntes deutsch-polnisches Tandem, zweisprachige Speisekarte im Catering-Bus. Kulturaustausch. Der Regisseur Hans-Erich Viet sagt, Hitler funktioniere schon lange nur noch als Abziehbildchen, als Karikatur. Für die Zeit des Drehs hat er darauf bestanden, das sogenannte Hitler-Zimmer zu bewohnen, im alten Monopol-Hotel in Breslau.

Die Vorbereitungen werden hektischer. Das weiße Sprengkabel führt zur Baracke. Vor die Sprengsätze haben sie Akten gepackt, die aus dem Fenster fliegen sollen. „Machen Sie auch noch ein Buch?“, fragt jemand Guido Knopp. „Muss sein“, sagt er. Aber jetzt ist Zeit für die Explosion. „Lasst uns auf den Feldherrenhügel gehen“, sagt Knopp, „da können wir besser sehen“. Der Hügel hat die Größe von etwa drei Ameisenhaufen. Knopp kann wahrscheinlich nichts dafür. Vielleicht hat er sich zu lange mit Feldherren beschäftigt. Der Aufnahmeleiter ermahnt noch die polnischen Komparsen, jetzt nicht polnisch zu reden. Wir Journalisten sollen nach der Explosion nicht applaudieren. Der Ton läuft. Der polnische Sprengmeister tut seine Pflicht. Es knallt einmal trocken. Die Akten fliegen nach Plan. Es riecht, als wäre ein neues Jahr angebrochen. Die Fenster hängen in den Angeln. Explosion gelungen. Die Komparsen dürfen jetzt wieder polnisch reden.

1944, da sind allen im Raum die Trommelfelle geplatzt. Und Hitler zeigte tagelang stolz seine zerfetzten Hosen herum. Auf dem Feldherrenhügel vor Breslau wehen Knopps Bügelfalten leise im Wind.

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