Medien : Das zweite Leben der Lena O.

Die Tatort-Kommissarin muss in eigener Sache ermitteln: Nach einem Kopfschuss weiß sie nicht mehr, wer sie ist

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Von Annette Schmiede

„Du bist nicht tot“, beschwört Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ihr Spiegelbild. Aber sie fühlt sich so. Und sie sieht auch fast so aus: Der Kopf bandagiert, ihr Gesicht ganz bleich.

Nur knapp kommt die Kommissarin im neuen SWR-Tatort „flashback“ (ARD, Sonntag, 20 Uhr 15) bei einem Banküberfall mit dem Leben davon, tagelang liegt sie im Koma. Eigentlich wollte sie nur Geld abheben für einen Schottland-Urlaub – jetzt ist die sonst so selbstbewusste Ermittlerin zur verunsicherten Zeugin geworden, zu einer schlechten obendrein, denn sie kann sich nicht erinnern. Und was sie erinnert, widerspricht allen anderen Zeugenaussagen: Im flüchtigen Bankräuber, der einen Komplizen erschoss und den anderen mit Sprengstoff in die Luft jagte, glaubt sie einen Polizisten erkannt zu haben. Und die hochschwangere Filialleiterin, so rekonstruiert sie, muss seine Komplizin sein.

Zu überspannt, meinen die ermittelnden Kollegen. Bald steht Odenthals Posten zur Disposition – die Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe) und Wolfgang „Seitenscheitel“ Viereth (Justus von Dohnányi, ebenso wie beim „Experiment“ auch hier wieder als bösartiger Spießer besetzt) hätten ihn gerne.

Aber mitnichten ist das der Kommissarin letzter Fall – Odenthals Bauchgefühl soll wieder einmal Recht behalten, ein Kollege ist der Täter. Am Ende nimmt sie ihr Büro wieder in Besitz, ganz die alte – die zupackende, die attraktive – Kommissarin, und doch irgendwie anders. Zumindest nicht mehr so nervend selbstherrlich, einem Bankräuber (Jürgen Vogel) in die Gewehrmündung zu schauen und aufzumucken. Diese Odenthal ist geläutert – kein Wunder, hat sie doch eine alptraumhafte Reise durch die eigene Erinnerung hinter sich.

Die Reise beginnt im kühlen Ambiente einer schicken Bank, und genau so gibt sich auch der Film: glatt, durchgestylt, und doch sehr beunruhigend. Die Räuber haben futuristische Masken auf, die Räume sind groß, loftartig und meistens leer, die Farben kalt: grau, weiß, tiefblau sind die Szenen. So richtig gut machen den Film aber erst zwei Mittel, die Regisseur Matthias Glasner ganz bewusst einsetzt: Musik und Kameraführung. Er schneidet nicht einfach Szene an Szene, sondern alles löst sich in reine Atmosphäre auf, in einen Fluss von Menschen, Emotionen und Gedanken. Glasner will den Zuschauer durch seinen Film „wie durchs Leben fließen lassen“, und ihn durch sein Unterbewusstsein mit einbeziehen. Glasner macht lange Kamerafahrten, verweilt eine Weile auf den Gesichern der Menschen, um zum nächsten zu gleiten. Oder er zoomt auf ein Gesicht – wie auf das des Bankräubers Jürgen Vogel – so rasend schnell wie die Panik, die ihn plötzlich überfällt, als er merkt: Etwas läuft ganz gewaltig schief.

Nach dem großen Auftakt in der Bank allerdings lässt Glasner es ruhiger angehen, und manchmal plätschert es dann doch zu sehr. Eine der besten Szenen aber gibt es in dieser zweiten Hälfte: Wenn Odenthal Hals über Kopf in der eigenen Erinnerung landet, mitten im Tatort Bank – ein traumwandlerisch schöner „flashback".

Komplize von Kamera und Schnitt ist in diesem „Tatort“ die Musik von Gregor Wilden, die auch mal als Stille stattfindet – Spannung wird hier ohne die üblichen bombastischen Klänge erzeugt.

Aus steriler Postmoderne mitten hinein in elementarste Gewalt – so ergeht es den Kunden dieser Bank. Die gerade noch sanft rieselnde Fahrstuhlmusik wird bedrohlich, ja unerträglich, wenn ein durchgeknallter Bankräuber sie summt.

Diese Melodie ist auch das einzige, was Odenthal während ihrer Amnesie bleibt. Sie summt sie ständig, ohne dass sie sich an ihre Herkunft zu erinnern scheint.

Erst ganz am Ende erfahren wir, was für ein Liedchen uns da doch die ganze Zeit verfolgt hat. „The girl from Ipanema“, singt eine Stimme. So harmlos, so lebensfroh – und doch so böse.

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