Dating-Shows : Kuppeln im Akkord

Speed-Dating und Spermaflecken-Suche: Wie sich Single-Shows seit „Herzblatt“ verändert haben.

Elena Senft

Früher gingen Dating-Shows so: Ein Mann mit Schulterpolstern saß auf einem Bistro-Barhocker und stellte Fragen an drei potentielle Partnerinnen, die – für ihn nicht sichtbar – hinter einer Wand saßen und in auswendig gelernten Hauptsätzen antworteten. Anhand der Antworten suchte sich der Kandidat schließlich eine der Damen aus, beide postierten sich vor der Trennwand und als die dann mit den Worten „Hier ist dein Herzblatt“ zur Seite gefahren wurde, standen sich die zukünftigen Liebenden zum ersten Mal gegenüber. Es folgte ein Hubschrauberrundflug ins Allgäu, wo das Paar auf einem Bauernhof beim Käsemachen zuschaute und dann eine Saunalandschaft besuchte. Natürlich gab es Variationen: Manchmal warben auch drei Männer um eine Frau, manchmal flog der „Herzblatt“-Hubschrauber auch nach Radolfzell, wo das Paar rodeln und anschließend bei Kerzenschein essen durfte.

Erst 2006 lief „Herzblatt“ zum letzten Mal – trotzdem scheint die Show in ein völlig anderes Fernsehzeitalter zu gehören. 1987 zum ersten Mal ausgestrahlt, 2005 dann vom Ersten zum Bayerischen Rundfunk verschoben, wirkt sie im Vergleich mit den heutigen Kuppel-Shows wie ein prüdes, spießiges Fernsehrelikt aus einer längst vergangenen Zeit.

Heute wird im deutschen TV gedatet, was das Zeug hält – und zwar intimer, peinlicher und so gefühlsintensiv wie möglich. In einer Gesellschaft, in der sich Menschen im Fernsehen operieren lassen, in Dschungelcamps Kakerlaken essen und ihre Schulden offenlegen, müssen sich Kandidaten in den Flirt-Shows erst recht entblößen – und zwar sowohl emotional als auch körperlich.

Die erfolgreiche Dating-Show hat verstanden: Nichts ist langweiliger, als sich anzuhören, wie die Kandidaten nach ihrem Kennenlernen getrennt voneinander befragt werden. Das Dating an sich ist das Interessante. Zuletzt floppte das staubige ARD-Kuppel-Format „Ich weiß, wer gut für dich ist!“, weil es diese Regel missachtete.

Erfolg hat, wer zeigt, was zu echten Beziehungen gehört: der erste Kuss, das erste Aneinander-Rumtatschen, aber auch hässliche Eifersuchtsszenen, Streit und Missgunst. Und eben deswegen schalteten in der letzten RTL-Staffel „Schwiegertochter gesucht“ auch wöchentlich etwa 3,77 Millionen Zuschauer ein, als zum Beispiel Kandidat Hartmut und seine Partnerin in spe, Nicole, plötzlich im Whirlpool animalisch übereinander herfielen und anschließend die Verlobung bekannt gaben. Und aus ebendiesem Grund geht das Erfolgsformat „Bauer sucht Frau“ mit Traum-Quoten von durchschnittlich 7,5 Millionen Zuschauern voraussichtlich im Herbst 2008 in die vierte Runde.

„Bauer sucht Frau“, „Schwiegertochter gesucht“ oder wie das auf Sat 1 jüngst gestartete Format „Gräfin gesucht“, was zwar mit 2,26 Millionen Zuschauern in der ersten Folge bisher keinen beeindruckenden Einstieg zeigte, aber immerhin oberhalb des Senderschnitts lag, zeigen all das, was man bei „Herzblatt“ nie sehen durfte. Dass die Quoten stimmen, liegt wohl auch an den speziellen Milieus, in denen gekuppelt wird: Entweder versucht man die Ladenhüter unter den Berufsgruppen („Bauer sucht Frau“) oder unter den Männern im Allgemeinen („Schwiegertochter gesucht“) unter die Haube zu bringen oder aber man kapriziert sich auf die äußerst anspruchsvollen und beliebten Gegenteile wie bei „Gräfin gesucht“, um Zuschauerinnen mit Prinzesinnenträumen zu beglücken.

Sehr viel derber geht’s hingegen bei kleineren Sendern wie MTV zu. Der Musikkanal mutiert zu manchen Zeiten zum reinen Dating-Show-Sender, der schonungslos auf Konkurrenz, Eifersucht und hemmungslose Intimität baut. Mittlerweile bekanntere Sendungen wie „Dismissed“, in der ein Kandidat verschiedene Bewerber in Dates „testet“, mit allen knutscht, um sich dann für einen zu entscheiden oder „Flavor of Love“, in der eine Gruppe Frauen ins Haus von „Public Enemy“-Frontmann Flavor Flav einzieht, um seine Liebe kämpft und sich auch gerne mal gegenseitig an den Haaren zieht, sind nur der Anfang gewesen.

Mittlerweile gibt es den Flavor-Flav-Nachfolger „I love New York“, in dem eine Reihe durchtrainierter Männer sich regelmäßig weinend auf dem Boden wälzt, wenn die angebetete, völlig hysterische Protagonistin namens New York (die vorher „Flavor of Love“-Kandidatin war) sie nacheinander aus dem Haus schmeißt. Oder Sendungen, die Dinge zeigen, die man nicht mal bei seinem eigenen Freund gerne sehen möchte: In „Room Raiders“ etwa stellen drei Singles ihre Wohnungen zur Verfügung, die dann von einem Kandidaten des anderen Geschlechts inspiziert werden. Natürlich werden dabei auch Dreckwäschekörbe durchforstet und es ist auch keine Seltenheit, dass die Kandidatin um eine Schwarzlichtlampe bittet, um anschließend im Bett nach etwaigen Spermaflecken zu suchen. Bei der deutschen Pro-7-Adaption „Schlüsselreiz“, bei der es bisher allerdings etwas harmloser zuging, ist die nächste Staffel bereits geplant.

Auch auf der RTL-Homepage präsentieren sich schon wieder neue Muttersöhnchen für die dritte Staffel „Schwiegertochter gesucht“, um dem Hotel-Mama Lebewohl zu sagen. An Kandidaten, die bereit sind, sich völlig ungeniert in die Privatsphäre gucken zu lassen, scheint es nicht zu mangeln. An Zuschauern erst recht nicht.

„I love New York“, MTV, Donnerstag, 14 Uhr

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