DDR : Das Leben der Akten

Ein Film des WDR bereichert die Debatte über die Zukunft der Stasiunterlagen auf seine Weise. Er nimmt Akten zum Ausgangspunkt und lässt die Handelnden zu Wort kommen.

Matthias Schlegel
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Das Ehepaar Meyer aus Chemnitz verriet über Jahre Pfarrer und Laien der evangelischen Kirche. -Foto: WDR

Über Jahre hinweg hat das Ehepaar aus Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, tausende Details aus dem Leben der Kirchengemeinde dem Staatssicherheitsdienst hinterbracht. Insgesamt rund 100.000 DDR-Mark haben Christiane und Jürgen Meyer für ihre Spitzeldienste vom MfS erhalten. Ja, es sei wohl ein „Vertrauensbruch“ gewesen, sagt er, der zu DDR-Zeiten als Anwalt gearbeitet hat, zögernd. Von Verrat wolle er nicht sprechen.

Was wühlt einen in diesem Film mehr auf – die Schicksale der Opfer, ihr gnadenloses Ausgeliefertsein einem zehntausendfach überlegenen Apparat der Observation und Repression oder die hilflos- dümmlichen Rechtfertigungs- oder Leugnungsversuche der Täter, sofern sie sich überhaupt der Kamera stellen?

„Der Geheimdienstschatz“ heißt der Film von Tobias Voigt und Markus Stockhaus. Man mag geteilter Meinung darüber sein, ob die hunderttausenden in den Stasiarchiven gespeicherten Lebensläufe, die Belege für Schuld und Verstrickung, für physischen und psychischen Terror und die unendlichen Konvolute aus Agentenquellen beim Klassenfeind ein Schatz sind. Die Autoren jedenfalls tun vor dem Hintergrund der derzeitigen heftigen Debatte über die Zukunft dieser 180 Aktenkilometer und der sie verwaltenden Behörde das, was für das Fernsehen längst nottat: Sie schauen hinein. Sie machen anhand von Einzelschicksalen die Systematik des Bespitzelns und Bespitzeltwerdens erfahrbar und umreißen damit gleichsam die historische Dimension dieses Archivs des Totalitarismus. „Zeugnisse gegen Vergessen und dreiste Lügen“ heißt der ein wenig pamphletartig geratene Untertitel, der auf die jüngsten Versuche der Umdeutung der Repressionsgeschichte durch ehemalige Stasiobristen abhebt.

Der Film folgt seinem Anliegen eindringlich und rigoros: Er nimmt Akten zum Ausgangspunkt, schildert das Geschehen und lässt die handelnden Personen zu Wort kommen – Täter wie Opfer. In so dichter Faktenfolge, so konsequenten Längsschnitten bis in die Gegenwart und solch beklemmender Nähe zu den Protagonisten hat man das im deutschen Fernsehen wohl bisher nicht gesehen.

Da ist Ute Hehlert aus Neubrandenburg. Ihr Vater ist mit ihrem Zwillingsbruder „rübergemacht“, als sie 13 Jahre alt war. Fortan werden ihre Mutter und sie auf Schritt und Tritt von der Stasi observiert. Sie gelten als potenziell fluchtwillig. Enge Freunde sind die eifrigsten Zuträger. Weiter zurück liegt der Fall eines geflüchteten MfS-Mitarbeiters. Die Stasi organisiert seine Entführung zurück in die DDR – mit der Hilfe von dessen Tochter. Der Mann kommt 1956 unter das Fallbeil, die Tochter wird belobigt. Und da sind die vielen großen und kleinen Spitzel, die in den Unternehmen, Ministerien, Behörden und Machtzentren der politischen Parteien in der Bundesrepublik saßen. Gerade rings um das Jahr 1968 hatte die Stasi im aufgebrochenen Gefüge im Westen leichtes Spiel beim Agentenfang.

Dass die Stasiakten auch der Erforschung der NS-Zeit auf die Sprünge zu helfen vermögen, zeigt das Beispiel von Josef Blösche. Sein Gesicht kennt man von jenem berühmt gewordenen Foto mit dem Kind im Warschauer Ghetto, das mit erhobenen Armen in einen Gewehrlauf blickt. Der die Waffe trägt, ist Blösche, ein hundertfacher Mörder. Er lebte nach dem Krieg jahrelang unerkannt als Bergmann in Thüringen. 1969 wird ihm in Erfurt der Prozess gemacht. Er wird durch Genickschuss hingerichtet.

Auch wenn der WDR-Streifen gelegentlich wie ein Werbefilm der Stasiunterlagenbehörde anmutet – eines macht er klar, ohne dass Behördenchefin Marianne Birthler nur einmal zu Wort kommt: Die Hinterlassenschaft des DDR-Geheimdienstes wird so lange ein Thema sein, bis auch die letzten Akten erschlossen sind.

„Der Geheimdienstschatz“: ARD, um 0 Uhr

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