Debatte um Werbung und Politik : Krieg der Köpfe

Die Aktion #KeinGeldFürRechts wirft generelle Fragen zum Verhältnis von Werbung und Politik auf. Initiator Gerald Hensel befindet sich aus Sicherheitsgründen nicht mehr in Berlin.

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Kellogg's will keine Anzeigen mehr auf Breitbart.com
Kellogg's will keine Anzeigen mehr auf Breitbart.comFoto: AFP


Zwischen dem amerikanischen Frühstücksflocken-Giganten Kellogg’s und dem rechtslastigen amerikanischen Online-Portal Breitbart gibt es seit ein paar Tagen einen interessanten Streit. Kellogg’s hatte seine Werbung auf Breitbart.com gestoppt. Man überprüfe regelmäßig, auf welchen Websites die Anzeigen erscheinen und welche Online-Medien „nicht mit unseren Werten als Unternehmen übereinstimmen“, sagte ein Sprecher des Unternehmens.

Die Medienmacher, die dem designierten US-Präsidenten Donald Trump nahestehen, riefen ihre Anhänger zum „Krieg“ gegen die Kellogg Company auf. In eine ähnliche Richtung geht hierzulande die Debatte um die #KeinGeldFürRechts-Initiative, die der Scholz-&-Friends-Werber Gerald Hensel auf eigene Initiative startete. Darin rief Hensel Internet-User auf, Screenshots von etwaig rechtspopulistischen Sites zu machen und die an Werbetreibende zu schicken, um diese auf das Umfeld ihrer Werbung aufmerksam zu machen.

Die Resonanz ist gewaltig. Sie fällt nicht nur positiv aus. Rechte Websites wie „Junge Freiheit“, aber auch konservative Magazine wie „Tichys Einblick“ oder der von Henryk M. Broder betriebene Blog „Die Achse des Guten“ haben sich auf Hensel eingeschossen. Für Roland Tichy, Ex-Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, ist die Sache klar. Nach geltender Rechtsprechung komme es bei einem Boykottaufruf nicht auf die exakte Formulierung an, sondern darauf, ob und wie dieser Aufruf verstanden wird. Entscheidend sei, dass ein konkreter Schaden in Folge des Aufrufs entstanden ist.

„Das sollte auch jeder wissen, der etwa den Hashtag #KeinGeldFürRechts erfunden hat oder auch weiterverbreitet oder Schwarze Listen in Agenturen anfertigt.“ Das sei, sagte Tichy dem Tagesspiegel, auch der Grund, warum sich die Agentur Scholz & Friends so schnell von Hensel distanziert und letztlich getrennt hat. „So weit die Rechts- und Faktenlage, die wir genau beobachten und entsprechend handeln werden.“
Hensel gab am Donnerstagmorgen auf stern.de bekannt, dass er bei Scholz & Friends gekündigt habe. In einem Interview sprach er von heftigen Anfeindungen nach seiner Aktion. Er befinde sich aus Sicherheitsgründen nicht mehr in Berlin.

„Wann ist rechts zu rechts?“

Zuvor hatte Scholz-&-Friends-Geschäftsführer Stefan Wegner via wuv.de gesagt, ein Shitstorm erfasse „Gerald selber und Scholz & Friends. Wir wurden beschimpft als ,ekelhafte Denunzianten‘ und ,Propaganda glorifizierende Giftzwerge‘. Kunden erhielten Mails mit Boykottdrohungen in Bezug auf ihre Produkte sowie der Aufforderung, das Vertragsverhältnis mit Scholz & Friends zu kündigen.“ Wegner ging auf Distanz. #KeinGeldFürRechts habe an einigen Stellen unnötig provoziert. Die Aktion sei nicht konsistent bei der Nennung betroffener Medien.

„Zunächst wurde Achgut.com als Beispiel für ein rechtspopulistisches Medium erwähnt, auf der ,Blacklist‘ ausdrücklich ausgeklammert.“ Ein liberal-konservatives Medium wie „Tichys Einblick“ stünde ohnehin nie in der Kritik oder auf der Liste. Die Liste selber, erstellt von den Initiatoren der Aktion, sei subjektiv. „Wann ist rechts zu rechts?“

Eine bemerkenswerte Geschichte, vor dem Hintergrund der Diskussionen um Fake News, Lügenpresse, Meinungsfreiheit etc. Hensel erklärt, er sei Politologe und Digitalstratege. Er sei mit der Logik von Mediaschaltung vertraut. „Wenn ich auf eine Seite komme, die hetzt, und daneben den Banner einer großen Marke sehe, finde ich das nicht nachvollziehbar. Dadurch bin ich an einen Punkt gekommen, wo mir ein Fehler im System aufgefallen ist.“

Es ginge ihm darum, dass die Leute, die Banner schalten, ein Verständnis dafür kriegen, wohin sie eigentlich ihre Werbegelder lenken. Er habe alles richtig gemacht. Auf seiner inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglichen Homepage hat Hensel eine Liste mit Seiten präsentiert, die er als rechts einstuft. Werbetreibende (wie Kellogg’s oder Deutsche Bahn und Eon bei Breitbart.com in den USA), die in Deutschland aufgrund des Hensel-Hashtags Anzeigen zurück gezogen haben, sind nicht namentlich bekannt. Der wirtschaftliche Schaden erscheint nicht allzu groß.

Es geht um Grundsätzliches. „Der politische Werber ist nicht tot. Im Gegenteil, er fängt gerade erst an“, freut sich Alf Frommer in seinem Blog. Er fordert, dass sich noch mehr Menschen aus der Werbung politisch engagieren. „Wichtig ist, dass wir uns nicht einschüchtern lassen, weil die Neurechten sehr laut werden können.“ Wenn Breitbart.com, wie geplant, nach Deutschland kommt, dürfte das Thema neu angeheizt werden, nicht nur bei Werbetreibenden.

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