Medien : Delling kann auch anders

Barbara Nolte

„Tagesthemen“ mit Gerhard Delling – ARD. Früher dachte man, Gerhard Delling sei nur eine Art Image-Vampir. Nett, sicher, aber auch ein wenig fad. Einer, der davon profitiert, dass er immer neben dem großen Günter Netzer steht.

Doch dann merkte man, dass Delling mit seiner freundlich-frotzelnden Art Netzers Charme erst hervorlockt, dass er durch seine klugen Fragen Netzers Fußballsachverstand offen legt; dass er sich also im besten journalistischen Sinne zurücknimmt. Mit der Zeit emanzipierte sich Gerhard Delling auch immer mehr von Netzer, und man musste sich eingestehen, dass man sich geirrt hatte: Er ist nicht fad, sondern nur angenehm unaufdringlich. In seiner leisen Art ist er zur Allzweckwaffe der ARD aufgestiegen. Jetzt haben sie ihm sogar ihre prestigereichste Sendung gegeben, die „Tagesthemen“, für eine Woche, weil Anne Will ja auch einmal Urlaub braucht.

Gerhard Delling, so viel kann man schon sagen, vertritt Anne Will sehr gut. Sein neuer Job begann mit dem sperrig- möglichsten Thema: Das Bundesverfassungsgericht erklärt die deutsche Umsetzung des Europäischen Haftbefehls für verfassungswidrig. Dazu soll einer mal eine knackige Anmoderation schreiben. Auch Delling geriet sie ein wenig umständlich, aber er trug sie souverän vor. Alles in allem präsentiert er sich gut informiert und sympathisch. Er verhaspelt sich sogar seltener als Ulrich Wickert, obgleich er bestimmt nervös ist.

Nur sein Sportreporter-Image irritiert noch. So eine Image-Metamorphose dauert ihre Zeit. Von der Leichtigkeit des Sports zum Ernst der Welt. Als die Justizministerin zum Interview zugeschaltet wurde, erwartet man instinktiv den ironischen Ton, den man von Dellings Gesprächen mit Günter Netzer kennt. Natürlich blieb er diesmal ernst.

Bereits in ein paar Tagen wird man ihm die „Tagesthemen“-Rolle glauben. Doch ist er dann schon wieder zurück im Sport – bis Anne Will und Ulrich Wickert wieder einmal gleichzeitig in Urlaub wollen.

Oder kommt es anders? Es wurde schon spekuliert, dass es sich bei Dellings Einsatz in Wahrheit um eine heimliche Probezeit handele. Wickert hört nächstes Jahr auf. Im Herbst wird über seinen Nachfolger entschieden. Bislang galt der USA-Korrespondent der ARD, Tom Buhrow, als Favorit.

Hoffentlich entscheiden sich die Intendanten nicht noch um, nur weil sich Gerhard Delling bei den „Tagesthemen“ so gut schlägt. Was soll denn sonst aus Netzer werden?

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