Demenz : Im Land des Vergessens

Das ZDF erzählt in einer zweiteiligen Dokumentation verschiedene Geschichten von Alzheimerkranken.

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1,2 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Demenz. Mit der richtigen Pflegestufe könnte die 90-jährige Gertrud Brethauer weiter zu Hause wohnen. Foto: ZDF
1,2 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Demenz. Mit der richtigen Pflegestufe könnte die 90-jährige Gertrud Brethauer...Foto: Hartmut Seifert

Gertrud Brethauer (90) sitzt am Tisch, das Essen rührt sie kaum an. Dreimal am Tag kommt der Pflegedienst. Da die zierliche Frau meist allein ist, singt sie Brummilein, ihrem Stoffbären, gerne etwas vor. Zum Beispiel: „Die Männer sind alle Verbrecher, ihr Herz ist ein finsteres Loch.“ Gertrud ist demenzkrank, will aber lieber allein in den eigenen vier Wänden leben, als in ein Pflegeheim umzuziehen. Sie artikuliert sich klar, ist humorvoll und freundlich. Nur den Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes, der die richtige Pflegestufe für Gertrud auswählen soll, nennt sie einen „Knilch“, aber nicht einmal das ist wirklich böse gemeint. Wenn die ehemalige Schokoladenverkäuferin schlafen geht, setzt sie sich erst auf die Bettkante, dann lässt sie sich zur Seite kippen. Der Kopf liegt auf dem Kissen, aber die Füße ins Bett zu heben, vergisst sie einfach.

Alzheimer hat viele Gesichter, die Krankheit kann furchtbar sein, auch für die Angehörigen, aber jeder Kranke hat seine ganz persönliche Geschichte. Bernd Hartmann, der sich viel um seinen kranken Vater kümmert, sagt, er genieße diese Nähe, die es früher zwischen den beiden nicht gegeben habe. Das sei „ein Vorteil der Krankheit“.

Man reibt sich ein bisschen verwundert die Augen über den ZDF-Zweiteiler „Reise ins Vergessen – Leben mit Alzheimer“. Nicht nur weil zur besten Sendezeit ein wichtiges, aber vielen Menschen eher unangenehmes Thema behandelt wird. Sondern vor allem, weil Uta Claus und Bodo Witzke häufig die Bilder sprechen lassen, mit Kommentaren vergleichsweise sparsam umgehen, sich Zeit nehmen für die Protagonisten, und weil sie deren Alltag aus großer Nähe, aber respektvoller Distanz beobachten.

Die Relevanz des Themas ist unumstritten. In Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen unter Altersdemenz, 70 Prozent davon unter Alzheimer. Eine Heilung gibt es nicht, nur Medikamente, die die Symptome lindern. Der Alzheimerforscher Konrad Beyreuther empfiehlt im Film drei Wege, der Krankheit vorzubeugen oder ihren Ausbruch zu verzögern: gesunde Ernährung, Bewegung und „neugierig sein“.

Die Filmemacher wollen ihr Publikum nicht allzu sehr erschrecken. Man blickt in viele fröhliche Gesichter, erlebt liebevolle Ehepaare wie Barbara und Sepp Friedrich, bei dem sich sogar eine leichte Besserung der Erkrankung einstellt, sowie aufopferungsvolle Angehörige und Freundinnen. Die Grundstimmung im Film ist vielleicht etwas positiver als die Realität, von der es heißt, dass nur knapp die Hälfte der Alzheimerpatienten optimal versorgt werden.

Die Filmautoren halten sich mit moralischen Urteilen wohltuend zurück. Deutlich wird allerdings, dass die Kranken und ihre Familien Unterstützung brauchen, von Nachbarn und Freunden, von Staat und Gesellschaft. Alzheimer kann jeden treffen. Thomas Gehringer

„Reise ins Vergessen – Leben mit Alzheimer“; 1. und 8. Februar, 20 Uhr 15 im ZDF

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