Demo-TV : Protest macht Flügel

Wie die Gegner von Stuttgart 21 mit einem eigenen Web-Sender über das Bahnprojekt berichten.

Sebastian Michael Brauns
In der ersten Demo-Reihe: Robert Schrem (rechts unten) sendet den Protest per Webcam direkt ins Internet.
In der ersten Demo-Reihe: Robert Schrem (rechts unten) sendet den Protest per Webcam direkt ins Internet.Foto: Günther Ahner

Die Menschen, die vor der Kamera von fluegel.tv stehen, haben kein Make-up auf dem Gesicht, statt Scheinwerfern beleuchten Taschenlampen das Geschehen, und der Übertragungswagen des Senders besteht aus einem Bollerwagen mit Webcam, Laptop und einer großen Batterie. Und trotzdem verwenden RTL, Sat1, ZDF und der SWR Bildmaterial des Web-Senders, denn so nah dran an den Protesten gegen das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 war wohl kaum einer der großen Sender. Kein Wunder, fluegel.tv ist aus der Protestbewegung heraus entstanden.

Robert Schrem, Softwareentwickler und Gründer von fluegel.tv, arbeitet direkt gegenüber des Stuttgarter Bahnhofs. „Am Anfang habe ich nur eine Fotokamera in meinem Büro aufgestellt und Einzelbilder vom Beginn der Abrissarbeiten übertragen“, erzählt er. Als sich die Bagger dann am Nordflügel des Bahnhofs zu schaffen machten, rüstete auch Schrem auf: Mit seiner Webcam begann er, bewegte Bilder von der Zerstörung des Bahnhofs-Flügels zu übertragen, fluegel.tv war buchstäblich geboren. Seither wurden die Website des Senders www.fluegel.tv 500 000 Mal angeklickt. Mittlerweile überträgt der kleine Sender genau wie Phoenix und der SWR die Schlichtungsgespräche mit Heiner Geißler live im Internet.

25 bis 30 ehrenamtliche Mitarbeiter im Alter von 20 bis 40 Jahren organisieren den Sender, die meisten von ihnen sind Profis: Ein Aufnahmeleiter, einige Kameraleute und Grafiker arbeiten beim SWR. Journalisten und Redakteure, aber auch Ingenieure opfern ihre Freizeit für die Berichterstattung. Moderator Putte, der sonst als Thorsten Puttenat Filmmusik komponiert, sagt: „Wir wollen selber entscheiden, wie wir unsere Arbeit machen.“
Die Macher von fluegel.tv sind Gegner von Stuttgart 21 und doch wollen sie die Befürworter einbeziehen. „Das ist Demokratie“, sagt Putte. Darum kommen in der Talksendung „Auf den Sack“ beide Seiten zu Wort und nehmen dafür auf Sitzsäcken Platz. „Es ist interessant, wenn Politiker Zeit haben, auszureden. Manche genießen das und manchen fallen nur vorformulierte Sätze ein“, erzählt Robert Schrem. Beate Müller-Gemmeke, Bundestagsabgeordnete der Grünen, war auch schon in der „Sack“-Sendung zu Gast. Sie hat die Macher des Guerilla-Senders samt Bollerwagen in den Bundestag eingeladen. Nach Ansicht von Müller-Gemmeke ist der Sender fluegel.tv deshalb so erfolgreich, weil er aus der Protestbewegung heraus entstanden ist: „Manipulationen durch Bild und Ton von außen werden somit unmöglich, weil es im Zweifelsfall Gegenbeweise gibt. Sie sind spontan, professionell und unabhängig, das finde ich toll.“
Neben fluegel.tv berichten auch andere Protestler aus ihrer Sicht über den Streit. So sind unter www.cams21.de beispielsweise Amateurvideos zu Stuttgart 21 zu sehen. Mitglieder der Anti-Atom-Bewegung haben unterdessen ebenfalls Kameras in die Hand genommen oder machen Bilder mit ihren Handy-Cams. Ihre Fotos, Videos und Beiträge stellen sie unter anderem bei www.gaggeldub.de oder www.graswurzel.tv online. Fluegel.tv war ebenfalls im Wendland unterwegs, denn der Sender will sich nicht allein auf Stuttgart 21 konzentrieren. „Wir werden mindestens bis zur Landtagswahl weitermachen. Viele wollen sich langfristig engagieren“, sagt Schrem.

Am Freitag und am morgigen Samstag steht zunächst aber wieder Stuttgart 21 im Mittelpunkt. Der Sender überträgt per Live-Stream die letzten Schlichtungsgespräche mit Heiner Geißler. Nach dem Abschlussgespräch am kommenden Dienstag wird sich zeigen, welche Aufgabe als nächstes auf die Web-TV-Pioniere wartet.

www.fluegel.tv

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