Medien : Depressiv, wenn sie keiner erkennt

Süße Droge, Selbstentblößung – wie Politiker mit der Macht und dem Scheinwerferlicht umgehen

Sebastian Bickerich

Ist es der Dienstwagen? Das Sonderflugzeug der Bundeswehr? Ist es der Rausch, den jubelnde Parteiversammlungen freisetzen – oder tun Politiker doch nur „ihre Pflicht“, wie sie es ihren Wählern immer wieder beteuern? Warum aber klammern Politiker auch dann noch an der Macht, wenn sie schon längst abgeschrieben sind – entmachtet, zurückgetreten, gestürzt?

Es ist gewiss keine neue Frage, die die drei WDR-Journalistinnen Ferdos Forudastan, Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp in ihrer Dokumentation „Im Rausch der Macht. Die süße Droge Politik“ stellen. „Spiegel“-Journalist Jürgen Leinemann beschäftigt sich in seinem kürzlich erschienenen Buch „Höhenrausch“ mit dem Thema, in der ARD konnte man jüngst im Film „Spiele der Macht“ einen fiktiven Kanzler am Abgrund sehen, und das ZDF will im März seine mehrfach verschobene Serie „Kanzleramt“ starten. Und doch ist „Im Rausch der Macht“ ein einzigartiger Film – kommen hier doch die realen Protagonisten selber zu Wort. Deren Bekenntnisse sind von einer Offenheit, die bisweilen an Selbstentblößung grenzt.

„Politik macht süchtig“, gibt der stellvertretende CSU-Chef Horst Seehofer zu. Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis gesteht, sie werde „depressiv“, wenn sie „auf fünf Schritten keiner erkennt“, und Altkanzler Helmut Kohl vergleicht die Öffentlichkeit mit „einem Stück Rausch“. Dabei sind es die feinen Nuancierungen in den Aussagen der befragten Politiker, die den Film sehenswert machen. Mit Einordnungen oder gar Kommentaren halten sich die Autorinnen zurück. Da gibt es den alten Schlag, der von sich behauptet, „aus Verantwortung“ zu handeln und „seine Pflicht zu tun“. Ex-Außenminister Klaus Kinkel und Altkanzler Helmut Kohl gehören dazu. Da ist Außenminister Joschka Fischer, der seinen „Beitrag zu einer Epoche“ leisten will – wie so oft gänzlich unbescheiden.

Und da gibt es diejenigen, die sich mit der „süßen Droge“ der Macht besonders intensiv auseinander setzen – und zugeben, sie um jeden Preis zu brauchen. Gregor Gysi, Wolfgang Schäuble, Wolfgang Clement. Vor allem aber Horst Seehofer. „Ich musste mich früher dabei ertappen, dass ich dachte, mein Gott, es geht ja gar nicht ohne dich“, gibt er zu. Wenn Sabine Christiansen bis Mittwoch Abend nicht anrief, wenn „die Bestätigung der eigenen Unentbehrlichkeit“ ausblieb, dann gab es nur „die letzte Raketenstufe“, so Seehofer: Sich selber ins Gespräch bringen – und den Machtkreislauf starten. Nur wenige der Politiker, die die Autorinnen im Herbst 2003 zum Gespräch gewannen, sprechen von sich in der ersten Person. Dunkel ausgeleuchtet, die Jalousien geschlossen, sitzen die Machtmenschen allein in ihren Büros, in Feierabendstimmung. Nur Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer, die von sich selber bekennt, „den Ausstieg geschafft“ zu haben, sitzt in der Kneipe, unter Leuten.

Doch manchmal beschleicht den Zuschauer ein merkwürdiges Gefühl. Ein freimütiger Seehofer, ein Clement in Feierabendlaune, ein Schäuble, der ganz sympathisch-selbstkritisch rüberkommt: Lassen sich die Autorinnen womöglich von den Politikern an der Nase herumführen? Sind die 45 Minuten letztendlich doch nichts anderes als eine Personality-Show? „Natürlich will ein Profi wie Seehofer im offenen Gespräch auch Sympathien gewinnen“, sagt Autorin Ferdos Forudastan. Und Ko-Autorin Käthe Jowanowitsch gibt zu, dass es die Medien und die Öffentlichkeit seien, die „dem Süchtigen die Spritze reichen“. Im Vordergrund ihres Interesses, so die Autorinnen, stand jedoch die Sicht der handelnden Politiker. Die Wertung über die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen überlassen sie dem Zuschauer.

Und der Dienstwagen? Laut Joschka Fischer hat der mit der Anziehungskraft der Macht gar nichts zu tun. „Qualität braucht keine Äußerlichkeiten“, behauptet er allen Ernstes. Sein Vorgänger Klaus Kinkel ist da ehrlicher. Freimütig bekennt er, auf seiner ersten Reise allein im Zug noch nicht einmal die Tür aufbekommen zu haben. „Bis ich dann so weit war, fuhr der Zug wieder ab“, sagt er, mit Schweiß auf der Stirn. Politiker können einem Leid tun.

„Im Rausch der Macht“ , Mittwoch, ARD, 23 Uhr 30.

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