Medien : Deprimiert und ein bisschen verwirrt

Joachim Huber

Wahlberichterstattung. ARD, ZDF, RBB, NDR. Klaus Wowereit rettet dem Fernsehen erst einmal den Wahlabend. Als der Sonnenkönig von Berlin Einzug hält in die Feierzentrale der SPD, sind ARD, ZDF und der RBB zeitgleich mit ihren Kameras dabei. Endlich einer, der strahlt, der gewonnen hat – „Wowi“, sie danken dir. Und schon macht der ARD-Wahlforscher Jörg Schönenborn die Blutgrätsche: Unser „Regiermeister“ liege beim sogenannten „Kandidatenfaktor“ der SPD bundesweit nur im Mittelfeld!

Schönenborns Ernüchterung passt schon ins Bild. Der Wahlabend hat außer der grünen Jubelbeauftragten Claudia Roth wenig Fröhliches und wenige glückliche Gesichter zu bieten. Die Prognose und die Hochrechnungen liefern ein disparates Bild, weder für Berlin noch für Mecklenburg-Vorpommern liegen die Regierungskoalitionen auf der Hand.

Die NPD ist in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern eingezogen. Der ZDF-Kommentator Peter Frey ist nur noch deprimiert: Armselige Wahlbeteiligungen, die Rechtsextremen in einer demokratischen Wahl legitimiert und die große Koalition in Berlin spielt weiter das kleine Karo. Aber muss man die Wahlergebnisse vom Rand her denken und darstellen? Udo Pastörs wird im ZDF schon an die rechtsextreme Bildschirmecke postiert. Interviewer Peter Kranz ist radikal besorgt, der NPD-Spitzenkandidat könnte radikale Propaganda machen. Als Pastörs als eine Aufgabe der Oppositionspartei NPD im Schweriner Landtag formuliert, „Rot-Rot zu desavouieren“, schneidet ihm Kranz abrupt das Wort ab. Haltung ist bewiesen, im Kern ist es nur die Furcht, dass jemand die Haltung „Pfui, wir mögen dich nicht, NPD“ anzweifeln könnte. Der Publizist Michael Jürgs hat zuvor im NDR-Fernsehen eine andere, vielleicht vielversprechendere Handlungsanweisung formuliert: „Lächerlichkeit, die töten könnte“, also die NPD mit der NPD zu desavouieren.

Die Unsicherheit, wie die Journalisten mit den Rechtsextremen umgehen soll, ist geblieben. Doch anders als bei den Wahlen in Sachsen (NPD) und in Brandenburg (DVU) übt sich das Fernsehen nicht (nur) in aufrechtem Alarmismus. Vor der unlösbaren Alternative – Hochschreiben oder Totschweigen – ist der Aufschrei leiser geworden. Eins geht aber auf keinen Fall: Die ARD-Wahlsendung registriert zwar die Zahlen für die NPD, die Begründung und die Interpretation werden hübschfein ins NDR-Dritte entsorgt. Da ist das ZDF in all seiner Unsicherheit mutiger. Es beeindruckt keinen NPD-Wähler, wenn Journalisten und Politiker auf Igittigitt und Missachtung erkennen. Laut einer ARD-Statistik sagt das Wahlvolk, dass im Votum für die NPD ein glasklarer Protest steckt, keine festgefügte rechtsextreme Gesinnung. Was da schiefläuft, muss Journalismus erkunden.

Der RBB ist fein raus: In Berlin rangiert die NPD auf den ganz hinteren Plätzen. Moderator Friedrich Moll und seine Mannschaft müssen nicht Betroffenheit zeigen, was sie derart froh stimmt, dass Politiker, die sich in Stanzen artikulieren wollen, hart unterbrochen werden. Ein Rätsel wird bei allem Eifer nicht gelöst. Die Partei der „Grauen“ schneidet überraschend gut ab. Was ist das eigentlich für eine Truppe? Nach der Erinnerung sieht man auf den Wahlplakaten eine lustige Seniorin und einen Senior, die beide nicht für die Rente poppen wollen. Oder wollen sie gerade deswegen poppen? Rätselhaftes, radikales Berlin.

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