Medien : Der 90-Prozent-Titel

Männer, Frauen, Ost, West – mit der WM-Euphorie fallen Zuschauerrekorde

Markus Ehrenberg,Kurt Sagatz

Dienstagabend, 21 Uhr, WM-Stadion Dortmund, am ZDF-Mikrofon Béla Réthy. Das Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien ist auf dem besten Weg, nicht nur Fußball-, sondern auch Fernsehgeschichte zu schreiben. „Seit dem WM-Start klettern die Marktanteile kontinuierlich. Eingestiegen sind wir beim Spiel gegen Costa Rica mit einem Marktanteil von 76 Prozent. Gegen Ekuador waren es 82. Es ist sehr wahrscheinlich, dass bei einem Finale mit deutscher Beteiligung 90 Prozent erreicht werden“, sagte Gunnar Roters von der SWR-Medienforschung vor dem Spiel Deutschland gegen Argentinien – das mit einem Marktanteil von 86,1 Prozent nur ganz knapp unter dem WM-Finale von 1990 blieb. Es spricht darum vieles dafür, dass die 90-Prozent-Marke – und damit der höchste jemals gemessene Marktanteil überhaupt – nicht erst am Wochenende, sondern bereits am Dienstag in Dortmund fällt.

In Deutschland herrscht absolute WM-Begeisterung, sagt Ulrike Altig, Geschäftsführerin von media control, zu den neuen Spitzenwerten. Das dramatische Argentinien-Spiel erreichte den zweithöchsten Wert für eine WM-Begegnung seit 1992. Seit dieser Zeit berücksichtigen die Medienforscher der GfK auch die TV-Zuschauer aus dem Ostteil der Republik. Aber egal, bei welchem Sender und in welchem Landesteil, seit Bestehen der Reichweitenmessung sind die 90 Prozent bei den Marktanteilen nicht geknackt wurden. Kein Durbridge-Krimi, kein Frankenfeld oder Gottschalk hat das geschafft. Der Hype um Jürgen Klinsmann und seine Mannschaft hat selbst Medienforscher überrascht. „Von solchen Zuschauerzahlen war vor der WM nicht auszugehen“, sagt Roters.

Der bisher höchste Durchschnittswert bei einem Fußballspiel wurde 1990 beim WM-Finale Deutschland – Argentinien mit 28,66 Millionen Zuschauern in der alten Bundesrepublik (am Freitag waren es 24,8 Millionen) gemessen. Nach Angaben von Michael Darkow, Geschäftsführer der GfK Fernsehforschung, sind die Zahlen vergleichbar. Das Messprinzip habe sich nicht grundlegend geändert. Derzeit wird in 5640 repräsentativen Privathaushalten die TV-Nutzung gemessen. Grundmenge sind laut Darkow 73,42 Millionen Deutsche und EU-Bürger ab drei Jahren.

Fast die Hälfte der Deutschen (49 Prozent) sieht die WM-Spiele des deutschen Teams im Kreis von Familie und Partnern, so das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts polis/Usuma im Auftrag des Magazins „Focus“. Vor den Großleinwänden und in den Kneipen, die in den Quotenstatistiken nicht erfasst werden, tummeln sich vor allem die Jüngeren. 31 Prozent der bis 34-Jährigen gaben an, dass sie die Spiele öffentlich anschauen. Bei den über 55-Jährigen verfolgen nur sieben Prozent die Spiele auf Großbildleinwänden oder in der Kneipe.

Laut media control schauten beim Argentinien-Spiel in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen 10,14 Millionen zu. Dies bedeutete einen Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe von 88,0 Prozent. In der Gruppe der Männer ab 14 Jahren saßen 11,51 Millionen vor den heimischen Geräten. Dies bedeutete einen Marktanteil von sage und schreibe 90,0 Prozent.

Im Bundesvergleich saßen beim fünften WM-Spiel des DFB-Teams im Westen mehr Zuschauer vor den Fernsehern als im Osten. Im Durchschnitt wollten 87,2 Prozent Westdeutsche sehen, ob die deutsche Elf in das Halbfinale einzieht. In den neuen Bundesländern waren es 81,1 Prozent. „Von daher ist aber nur schwer auf nationale Verdrossenheit zu schließen“, sagt ZDF-Medienforscher Thomas Hagedorn. Eher auf anderes Freizeitverhalten. Stichwort Public Viewing, aber auch DVB-T auf Deutschlands Campingplätzen. Den größeren Teil davon vermuten Medienforscher in den neuen Bundesländern.

Mit der WM Quote zu machen, das versuchen derzeit die meisten Medien – mitunter mit kurios anmutenden Mitteln. „BamS enthüllt“ heißt es in der aktuellen „Bild am Sonntag“ auf Seite eins. Darunter ein Stück Papier mit vier Zeilen Text und der Überschrift „Lehmanns Elfer-Spickzettel“. Bloß schade, dass es gar nicht jener Zettel ist, den Deutschlands Keeper kurz vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien in den Wadenschoner packte – „BamS hat diesen Zettel oben nachempfunden“ heißt es erheblich kleiner im Begleittext. (mit dpa)

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