Medien : Der Adorno des Privatfernsehens

Jahrelang präsentierte Oliver Kalkofe auf Premiere ein Worst-Of des Fernsehens. Jetzt darf er bei Pro 7 weitermachen

Stefanie Flamm

Ab Mitternacht, wenn wirklich alle Kinder im Bett sind und die Alten in ihren Ohrensesseln schlafen, sendet Neun Live eine Horrorshow der besonderen Art: Eine Frau, der niemand beigebracht hat, wie man sich vor der Kamera bewegt, sagt in einem verdreckten Bahnhofsklo ein Rezept für ein Hühnergericht auf und zieht sich dabei aus. Bei „Keulchen enthäuten“ fällt die Bluse, bei „Zwiebeln anbraten“ der Rock, dann die Strümpfe, später der BH.

Doch bevor sie am Ende ihren Synthetikslip vom Körper reißen kann, kommt, zumindest in der Variante, die Oliver Kalkofe für die neue Staffel seiner „Mattscheibe“ aufbereitet hat, die Rettung aus der Bluebox. Deutschlands Medienkaspar Nummer eins hält ihr eine riesige gusseiserne Pfanne vor den Schoß, reißt einen blöden Witz über die Idioten von Neun Live, die ihre hässlichen Praktikantinnen ausbeuten. Dann beamt er sich, wiederum per Bluebox, in eine Dauer-Shoppingsendung und weiter zu einem frühen Live-Auftritt von „Modern Talking“, bis er, nach einigen historischen Exkursen in die frühen Jahre der Unterhaltungsindustrie beider Deutschländer, schließlich beim „Schlimmsten von heute“ landet: „Deutschland sucht den Superstar“.

Warum, fragt man sich, tut er sich das an? Warum zappt sich dieser Mann seit 13 Jahren 50 Stunden die Woche durch das Unterirdischste, was das deutsche Fernsehen zu bieten hat, um seinem Publikum anschließend klar zu machen, wie blöd das alles ist?

Weil er der letzte Kulturkritiker seit Theodor W. Adorno ist, der es noch wagt, mit seinen salzigen Fingern in die Wunden der deutschen Fernsehseele zu fassen, sagen seine Fans. Aber das scheint nicht der Punkt zu sein. Jedenfalls nicht ganz. Denn Kalkofe liebt das Fernsehen als das, was es ist. Er würde ihm nie vorwerfen, dass es unterhält anstatt zu bilden und zu erziehen. Kalkofe ärgert sich nur maßlos darüber, dass es ihn schlecht unterhält. Seine Frage lautet also: „Warum zeigen die bei Neun Live nicht einfach einen schönen Strip?“

Oliver Kalkofe sitzt im „Café Hamlet“ in der Lietzenburger Straße in Berlin, ein großer, kräftiger Mann Ende 30, dem man ansieht, dass er in den letzten Jahren wenig Sport gemacht hat. Vor ihm steht der dritte Espresso, hinter ihm liegt eine harte Nacht: Es ist noch blasser, als man ihn aus dem Fernsehen kennt, aber er ist glücklich: Die drei Jahre Fernsehabstinenz des Oliver Kalkofe haben ein Ende.

Fast zehn Jahre hatte er in „Kalkofes Mattscheibe“ auf Premiere das Fernsehprogramm durchkämmt. Den Grimme Preis hat er dafür bekommen und eine Sendung in der ARD. „Die wunderbare Welt des Sports“, hieß sie, sie folgte demselben Prinzip wie „Kalkofes Mattscheibe“, nur auf Sportsendungen angewendet. 1999 kippte die ARD sie aus dem Programm – angeblich weil die eigenen Sportjournalisten sie gar nicht komisch fanden.

Ab heute lässt Pro 7 „Kalkofes Mattscheibe“ wieder aufleben. Der Untertitel klingt wie eine Drohung: „Der Supermüll der 70er, 80er, 90er Jahre und das Schlimmste von heute“ (20 Uhr 15), zunächst sind lediglich drei Folgen geplant. Doch wenn die Einschaltquote stimmt, darf Kalkofe weitermachen – auch der Medienkaspar, der davon lebt, sich über den Schwachsinn im deutschen Fernsehen lustig zu machen, unterliegt den Gesetzen, die diesen Schwachsinn hervorbringen: Nur was die Leute sehen wollen, wird auch gezeigt. Aber Kalkofe ist optimistisch. Anders als die Volksversteher in den Feuilletons glaubt er nicht, dass das Fernsehen heutzutage so dumm ist, weil es das Volk so will. „Das Fernsehen ist dumm, weil es von Leuten gemacht wird, die selber nicht gerne fernsehen.“

Trotzdem würde er nicht sagen, dass früher alles besser war. „Es war nur weniger“. Und er war ein Kind. Oliver Kalkofe lebte in Peine bei Hannover, um ihn herum herrschte, zumindest in seiner Erinnerung, „das Mittelmaß“. Sein Vater arbeitete in einem Möbelhaus, seine Mutter war zu Hause, und Kindern, die wie Kalkofe nun einmal nicht gerne Sport trieben, blieb eigentlich nichts außer der Glotze. „Ich habe alles geguckt“, sagt er. Und er hat es genossen: „Dalli Dalli“, den „Blauen Bock“, „Mainz bleibt Mainz“, das „Musikantenstadl“, „Bezaubernde Jeannie“ und jeden „Edgar-Wallace-Film“, egal ob mit Heinz Drache, Joachim Fuchsberger oder Klaus Kinski.

Und so hätte es weitergehen können, ja so hätte es weitergehen sollen. Doch leider wurde Kalkofe erwachsen. Ende der 80er Jahre muss das gewesen sein. Mit dem Privatfernsehen verschwand das Testbild und Kalkofe studierte ausgerechnet Publizistik in Münster. Nachdem er dann seine erste Seminararbeit verfasst hatte, konnte er David Hasselhoff plötzlich nicht mehr als Über-Ich akzeptieren. Er durchschaute jetzt, was er früher einfach nur zur Kenntnis genommen hatte. Das Fernsehen, das in seiner Kindheit all die Zeit vernichtet hatte, die er übrig hatte, war plötzlich langweiliger geworden als das Leben. Die meisten Menschen nehmen in einer solchen Situation die Fernbedienung, schalten ein für alle Mal ab und lassen es gut sein. Oliver Kalkofe ging einen anderen Weg. Seitdem ihm die Sendeanstalten nicht mehr geben, was er von ihnen haben will, nimmt er seine Unterhaltung selbst in die Hand. Zuerst als Radiomoderator bei „ffn“, dann auf Premiere, später bei der ARD und ab heute eben bei Pro 7. Und auf seine Art ist er, der sich selbst einmal einen „mopsigen Medien-Mitesser“ genannt hat, natürlich längst Teil jener Verdummungsmaschine geworden, gegen die er seit 13 Jahren anrennt.

Nicht jedoch als einsamer Aufklärer im Reich der Finsternis, als den ihn viele noch immer sehen, eher als ein Komiker, der aus schlechtem Fernsehen ein besseres machen will. Er arbeitet um, was ihm nicht gefällt, ergänzt, was ihm fehlt, beschimpft, was ihn stört und kennt selten Gnade. Hans Rosenthal wird bei ihm postum zum Gespött, Dieter Bohlen bekommt seit Jahren sein Fett weg. In der aktuellen Staffel schlüpft er, trotz seiner gewaltigen Körperfülle, in die Zigarettenhosen der Fernsehgynäkologin Dr. Verena Breitenbach und diskutiert an ihrer Statt mit einer jungen Türkin, ob es ratsam ist, sich aus Liebe zu einem Traditionalisten ein neues Jungfernhäutchen zuzulegen oder nicht.

Es läuft immer nach dem selben Muster: Kalkofe überdreht an sich schon geistlose Dialoge solange, bis am Ende Dada daraus wird, oder ganz grober Unfug. Und wenn er sich mit Worten nicht mehr zu helfen weiß, brät er seinen Opfern aus der Bluebox heraus auch schon einmal eins mit dem Boxhandschuh über. Arabella Kiesbauer musste das erleben, und viele andere auch. Denn wo Harald Schmidt, der einzige, den Kalkofe im deutschen Fernsehen gelten lässt, mit kurzen, präzisen Schlägen unter die Gürtellinie trifft, gibt es von ihm meist eine Breitseite. Ob man das lustig findet oder nicht, ist in den meisten Fällen Geschmackssache.

Doch auch wer seinem Bluebox-Theater nichts abgewinnen kann, sollte nie vergessen: Dieser nette, große Junge, der manchmal gehörig über die Stränge schlägt, meint es wirklich gut. Er will, dass auch wir das Fernsehen wieder lieben.

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