Medien : Der alte Playboy

Gründer Hugh Hefner will das Männermagazin zurückkaufen – doch auch Erzrivale „Penthouse“ ist plötzlich interessiert

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Im Wilden Westen starben Pistolenhelden meist vor der Lebensmitte ihrer weniger schießwütigen Zeitgenossen. Irgendwann kommt einer, der jünger ist und schneller zieht. In der Medienwelt werden Rangordnungskonflikte anders ausgetragen. Für Mittwoch hat der Herausforderer der Generation Internet, Marc H. Bell, Chefmanager des Konzerns Friendfinder, dem der ewige „Playboy“-Rivale „Penthouse“ gehört, den alten Platzhirschen der Generation Print, „Playboy“-Gründer Hugh Hefner, zum Duell einbestellt. Der hat die Wahl, sich gar nicht darauf einzulassen. Es wäre kein Kneifen. Noch ist Hefner der Patriarch, noch hat er das Sagen im Reich der gedruckten Erotikmagazine. Wahr ist auch, dass seine Aussichten, als souveräner Sieger von der Bühne abzutreten, nicht besser werden, je mehr Jahre er verstreichen lässt. Denn dieses Reich schrumpft.

Was treibt Hugh Hefner an, dass er mit 84 Jahren nicht davon lassen kann, den Playboy zu geben, der im seidenen Schlafrock mit mehreren jungen Gespielinnen, in der Mehrzahl blond und vollbusig, in einer Villa namens „Playboy Mansion“ in Los Angeles residiert? Sieht er darin die unbeirrbare Treue zu einer Idee, die zeitweise als wichtige Triebfeder der Modernisierung durch sexuelle Befreiung galt? Hat er Angst vor der inneren Leere, wenn er diese öffentliche Identität aufgibt? Oder hat ihn längst solch ein Altersstarrsinn erfasst, dass er ökonomischen Argumenten nicht mehr zugänglich ist? Vor zehn Jahren wurde das gesamte Playboy-Imperium auf rund eine Milliarde Dollar geschätzt. Inzwischen veranschlagt Hefner den Wert nur noch auf 185 Millionen Dollar.

Man weiß das, weil er angeboten hat, alle Aktien, die ihm nicht ohnehin gehören, zum Stückpreis von 5,50 Dollar aufzukaufen. Dann könnte er das Unternehmen, das er 1953 gegründet hatte und 1971 an die Börse brachte, zurückverwandeln in ein Familienunternehmen, in dem nur einer das Sagen hat: er selbst. Ohne die Auflagen einer Aktiengesellschaft. Auch nach dem Börsengang war er darauf bedacht gewesen, die Kontrollmehrheit zu behalten. Er besitzt 69,5 Prozent der Aktien mit Stimmrecht und 27,5 Prozent der Aktien ohne Stimmrecht.

Aber nun hat Friendfinder-Boss Bell mit dem „Penthouse“ im Portfolio den „Playboy“-Aktionären ein Gegenangebot gemacht. Friendfinder möchte Playboy Enterprises komplett übernehmen, für 210 Millionen Dollar. Das Friedensangebot an Hugh Hefner: Er darf Chefredakteur des gedruckten „Playboy“ bleiben und behält das Wohnrecht in der Playboy Mansion. Anders gesagt: An der Fassade muss sich nichts ändern. Bell schlägt vor, dass sich die Geschäftsführungsgremien beider Konzerne am Mittwoch treffen, um das Übernahmeangebot zu beraten.

High Noon auf der Main Street der Magazine mit den barbusigen Cover-Girls? Oder versöhnliches Ende eines erbitterten Wettkampfs durch Fusion? „Playboy“ und „Penthouse“ standen, auch wenn sie beide im Kern vom Geschäft mit nackten Mädchen und erotischen Fantasien lebten, für sehr verschiedene Stile. Der „Playboy“ legte Wert auf intellektuelle Einbettung. Er druckte Kurzgeschichten angesehener Autoren wie Vladimir Nabokov und Ian Fleming. Sowie in jeder Ausgabe ein anspruchsvolles politisches oder kulturpolitisches Interview. Und im Zweifel begnügte er sich mit der schwammigen Zone zwischen Erotik und softer Pornografie, schreckte aber vor harter Pornografie zurück. Gewiss doch, diese angebliche Grenze, wo der erwünschte Reiz in das abstoßende Tabu übergeht, verschob sich im Verlauf der Jahrzehnte.

Aber Rivale „Penthouse“ war da stets weniger wählerisch und versuchte den „Playboy“ auflagenmäßig zu überholen, in dem er die jeweils geltenden Tabugrenzen durchbrach. Zum Beispiel druckte „Penthouse“ Fotos urinierender Frauen. Die Strategie führte nicht auf die Überholspur. Der „Playboy“ behielt die Nase vorn. 1972 hatte er seine höchste Auflage erreicht: 7,16 Millionen. Inzwischen sind es noch 1,5 Millionen; selbst das reicht heute noch für die Spitzenposition.

Print ist nicht mehr Kern des Geschäfts, weder für den „Playboy“ noch für den „Penthouse“-Eigentümer Friendfinder. Der Versuch, den Übernahmekampf nach außen als Höhepunkt einer jahrzehntelangen Rivalität zweier Magazine zu inszenieren, ist eine Irreführung. Wahr ist: Beide Firmen leben vom Nimbus der Markennamen und von den Assoziationen, die sie auslösen. Das eigentliche Geschäft wird anderswo gemacht. Die Marke dient als Deckmantel, damit die Öffentlichkeit nicht so genau hinschaut, woher die Gewinne heute stammen. Vereinfacht gesagt ist es zunehmend harte Pornografie im Internet. Das gilt vor allem für Friendfinder. Das „Playboy“-Unternehmen hat noch einen anderen Trumpf neben der Erfahrung, wie man an Nacktfotos verdient: das weltweit bekannte Häschen-Logo. Der in doppeldeutiger Weise sprungbereite Bunny zierte in den 70er und 80er Jahren Autos, bevorzugt solche der Gattung GTI. Längst schmückt Bunny auch Bekleidung aller Art. Das bringt Millionen ein.

Hefner wirkt wie aus der Zeit gefallen. Manche sehen in ihm eine lächerliche Figur, wie er mit seinem 84-jährigen Körper die Illusion des ewigen Playboys aufrechtzuerhalten versucht und in kurzen Abständen seine Playmates gegen jüngere austauscht. Andererseits: Was hat seine Welt der erotischen Fantasie mit dem Gestöhne auf anonymen Sexseiten im Internet gemeinsam? Hat es vielleicht sein Gutes, dass sich ein alter Starrkopf in aller ökonomischen Unvernunft weigert, den Bunny, das ironische Abbild der Seele des „Playboy“, zu verscherbeln und dem neuen Geschäft mit dem Sex einen verharmlosenden Deckmantel zu geben?

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