Medien : Der Apfel, Rousseau und 69

Tom Peuckert

verrät, was Sie nicht verpassen sollten Einerseits scheint ein Apfel eine harmlose Sache. Andererseits lässt sich an ihm der Kampf zwischen Natur und Kultur eindrucksvoll demonstrieren. Wie die Natur eine Fülle von Formen hervorbringt und die Kultur dann versucht, dieses Chaos in eine vernünftige Ordnung zu zwingen. In ihrem Feature „Die Pomologen“ erzählt Alexa Hennings die ganze Geschichte des Apfels. Die Natur ließ einst tausende Apfelsorten wachsen. Im 19. Jahrhundert trat der Pomologe, der Apfel-Wissenschaftler, auf den Plan. Er versuchte, das Chaos zu kategorisieren und rückte ihm mit geballtem Know-how zu Leibe. Als Ergebnis haben wir heute ein Dutzend marktkonformer Einheitsäpfel. Unter Pomologen regt sich Widerstand. Der Apfel soll aus dem strengen Zuchtregime befreit werden. Im Namen der Artenvielfalt und vor allem des guten Geschmacks ( Kulturradio, 20. Oktober, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz ).

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Über Natur und Kultur haben vor gut 200 Jahren Rousseau und Voltaire gestritten. Während der eine von „edlen Wilden“ träumte, sah der andere die Vernunft als Bastion gegen die Schrecken der Natur. „Warum Voltaire Rousseau nicht mochte“ heißt ein Feature von Rolf Cantzen, in dem der Zwist aufgerollt wird. Darf man Gefühlen trauen? Mündet zuviel Vernunft in furchtbare Sackgassen? Fragen, die als aktuell betrachtet werden können ( Deutschlandradio, 21. Oktober, 19 Uhr 05, UKW 89,6 MHz ).

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Als die DDR 1949 gegründet wurde, da galt die Synthese aus Rousseau und Voltaire als politisches Programm. Der Mensch ist von Natur aus gut. Jetzt muss eine Kultur geschaffen werden, die Gutsein auch erlaubt. In diesem Sinne entwarfen frühe DDR-Künstler ihre Werke, nicht zuletzt die Autoren im Staatsrundfunk. Unter dem Titel „Wir brauchen keine Schokolade“ hat Marianne Weil aus den ersten Jahren des DDR-Hörspiels eine Collage montiert. Der sozialistische Mythenhimmel im Radio: wie die gute Natur im Sozialismus entfesselt wird, aber seine Feinde noch von der falschen Kultur beherrscht werden ( Deutschlandradio, 22. Oktober, 19 Uhr 05 ).

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Als die Tat des Kannibalen von Rothenburg bekannt wurde, fehlten der Kultur die Begriffe, um das Ungeheuerliche zu erfassen. Unsere Gesetzbücher sind für die Bestrafung kultureller Tabubrüche gemacht. Der Dramatiker Igor Bauersima montiert in seinem Hörspiel „69 (Das Schlechte)“ eine szenische Versuchsanordnung zum Thema. Frau und Mann treffen sich zwecks kannibalistischer Handlungen. Geht’s um Mord? Exzess der Freiheit? Um was? ( Deutschlandradio, 24. Oktober. 18 Uhr 30 )

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