Medien : Der Bär fliegt, der Adler steppt

Das war der SFB: Eindrucksvolle Programme wie „MAZ ab!“ von Harald Schmidt und der Lieblingssport „Intendanten-Kegeln“ Das war der ORB: Heimatfunk für das brandenburgische Lebensgefühl zwischen Sozialismus und Besser-Wessis /Von Ernst Elitz

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Anfang des Jahres 1988 wartete ein junger Mann in Tigerjäckchen und lila Pullunder in einem „Künstlerabrufraum“ des SFB. Er bewarb sich nicht um den Intendantenjob – der wurde erst ein halbes Jahr später frei –, sondern er wollte partout ins Fernsehen. Es klappte. Harald Schmidt startete in den Studiokatakomben an der Masurenallee mit „MAZ ab!“ seine BildschirmKarriere. Solche Erfolgsgeschichten erzählt man sich selten im SFB. Es passt nicht zur Berliner Miesepetrigkeit, dass der fünfzigjährige Sender mehr ist als ein Seniorenstift für den „Scheibenwischer“, sondern dass er mit „MAZ ab!“, „Liebling Kreuzberg“ und der legendären Talkshow „Leute“ auch Fernsehgeschichte geschrieben hat.

Sender Freies Berlin, Sender Fieses Berlin, Senderfreies Berlin – mit solchen Späßen konnte man immer ein paar Lacher erzielen, zumal bei Kollegen, die einem frisch gebackenen Fernsehdirektor des SFB den lebensklugen Rat zuteil werden ließen: „Verlangen Sie nichts im Namen von Berlin. Das mögen die Kollegen nicht.“ So ähnlich ging es auch Eberhard Diepgen im Kreise seiner Ministerpräsidenten. Selbst mit einem Handstand vor der Intendanten-Mannschaft oder verkleidet als Bettler vom Bahnhof Zoo hätten die Bittsteller aus Berlin der ARD keinen müden Euro für eine neue Periode des Finanzausgleichs abzocken können.

Die schlanke Anstalt

Es hält sich die Legende, dass der ORB von vornherein auf jede Zahlung aus dem Finanzausgleich verzichtet hätte. Er tat es – ganz freiwillig –, nachdem der WDR-Intendant Friedrich Nowottny seinem gerade zum ORB-Chef gewählten Kollegen Hansjürgen Rosenbauer am Telefon erklärt hatte, dass die ARD nicht willens wäre, nach der Wiedervereinigung noch eine weitere Mini-Anstalt mit ihrer Armenspeisung durchzufüttern. So wurde die schlanke Anstalt in Potsdam geboren. Auch deren Erfolge wurden gern kleingeredet. Die Leistung des ORB war mehr sozialtherapeutischer Art. Den von Sozialismus, Arbeitslosigkeit und Stasi-Vorwürfen geschundenen Brandenburgern war der Sender „Kummerkasten und Mutmacher“ (Stolpe). „Heimat“, so lautete die medienpolitische Grundsatzerklärung des stets die Stimmung seiner Landsleute treffenden Regierungschefs, „das ist für viele der rote Adler und der ORB“. Und so folgten Programm- und Personalpolitik den Stimmungslinien brandenburgischen Lebensgefühls, schwankend zwischen Anpassung und Nostalgie und immer dabei, den Besser-Wessis jene Deutungshoheit zu entwinden, die sie mit der Wende siegesbewusst okkupiert hatten. Hohnlachend rieben sich viele im SFB die Hände, wenn Rosenbauer einen ehemaligen Uniformträger des Wachregiments „Felix Dscherschinsky“ zum Chefredakteur beförderte oder als der größte Tröter auf den Radiowellen, Lutz Bertram („Huhu, liebes Radiovolk“), über seine Stasi-Akten stolperte. Da hörte die West-Berliner Gemütlichkeit auf.

Diese Sender waren nicht füreinander geschaffen. Und hätte man die Bürger wie über die Länder- auch über die Senderfusion abstimmen lassen, das Ergebnis wäre desaströs ausgefallen. Und dennoch waren der SFB seit dem Mauerfall und der ORB seit seiner Gründung 1992 Sender auf Abruf. Horst Schättle als erfahrener Medienmanager, der durch die harte, in politischen Kabalen geübte Schule des ZDF gegangen war, und der in Führungspositionen beim WDR und in den Verteilungskämpfen der ARD erprobte Hansjürgen Rosenbauer hatten schon Anfang der neunziger Jahre erkannt, dass die einzige Überlebenschance in einer Fusion liegen musste. Als Importe von außen – Schättle war vom Pariser-Korrespondentenplatz des ZDF nach Berlin gekommen, Rosenbauer war Kulturchef beim WDR – waren sie frei von provinzieller Gefühligkeit.

Wenn sie dennoch geschickt die Trumpfkarte des Regionalen spielten, indem sie die erfolgreichste Regionalsendung des deutschen Fernsehens, die „Abendschau“, durch das gesamte Tagesprogramm zogen und das Dritte als B1 zum Ersten machten oder in der märkischen „Musikantenscheune“ den Flachsinn jubilieren ließen, behielten sie unbeirrt das Fusionsziel im Blick. Wer täglich sah, wie das Geld in der Kasse weniger wurde, konnte sich Eigenständigkeitsillusionen nicht leisten.

Um das Naheliegende zu torpedieren, geisterten diverse Fusionsmodelle durch die medienpolitische Mondlandschaft: Mal mit dem NDR, mal mit dem MDR, mal ein Berlin-Programm unter ARD-Kuratel. Und je nach politischer Nähe liebäugelten Landespolitiker mit solchen Avancen. Nebenbei piesackten sie ihre Intendanten mit den üblichen Alltagsquerelen: Rosenbauer wollten sie die Wahl des von ihm favorisierten Fernsehdirektors vermiesen. Mit Schättle sprang man schmählich um. Erst als auswärtige Kandidaten für das Intendanten-Amt den Rundfunkrat schnöde sitzen ließen, durfte der Mann, der als Fusionsfreund bekannt und als Fernsehdirektor höchst erfolgreich war, an die Spitze des Senders treten. Wie viele andere vor ihm ließ man ihn spüren, dass SFB-Intendanten zu parieren hätten, denn in den Augen der Berliner blieb der SFB immer der Zweitgeborene, eher gezüchtigt als geliebt. Schon vor der Existenz des SFB hatte der RIAS sich mit seinem Insulaner-Gefühl in die Herzen der West-Berliner geschmeichelt. Nun ist die Fusion ein gemeinsamer Erfolg beider Senderchefs, die sich im Lauf der Zeit immer ähnlicher wurden. Wer sich ständig im Nahkampf bewähren und die Fedajin-Trupps aus Parteien und Gewerkschaften zurückschlagen muss, dem gefriert das Lächeln auf dem Gesicht. Privat konnten beide hochvergnügt sein, nach außen wirkte ihr Lächeln häufig wie einbetoniert.

Neuss gekippt

Was bleibt nach fünfzig Jahren SFB und einem Jahrzehnt ORB außer ein paar eindrucksvollen Programmen und ein paar Anekdoten? Etwa, dass Rosenbauer sich wie ein Schneekönig freute, als er in Babelsberg eine zweite Durchwahlnummer bekam, um nach Westdeutschland telefonieren zu können (um dann doch nur die schlechte Nachricht von Nowottny zu bekommen). Oder die Geschichte vom SFB-Lieblingssport „Intendanten-Kegeln“. Neun Intendanten, zwei davon durch Abwahl-Anträge vertrieben, hat der SFB in fünfzig Jahren verbraucht und steht mit den Pensionsleistungen für Führungskräfte an der Spitze der ARD. Oder dass 1955 der ätzend scharfe Wolfgang Neuss, der „Mann mit der Pauke“, mit einem Präventiv-Schlag aus einer Live-Sendung gekippt wurde, indem man den Knopf „Technische Störung“ drückte. Jede dieser Anekdoten ist ein Stück Rundfunkgeschichte. Beim ORB handelt sie von den Mühen der Ostdeutschen, sich einen gleichberechtigten Platz im Vereinigungsland zu erobern, beim SFB vom Kalten Krieg, vom Inselkoller und schließlich von der Einsicht, dass man von Berliner Luft allein nicht überleben kann.

„SFB – haben die überhaupt Stromanschluss?“ fragte der fiese und ewig undankbare Harald Schmidt in den Wirren der Senderfusion. Auch nach „MAZ ab!“ ging in den SFB-Studios das Licht nicht aus. Und es wäre ein später Liebesbeweis für den nun im RBB verglühenden Sender, wenn eine Bürgerinitiative wenigstens eine ewige Leuchtschrift am Funkhaus in der Masurenallee fordern würde. Aber so lieb hatten die Berliner dann doch nur ihren RIAS.

Der Autor ist Intendant des Deutschlandradios.

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