Der Ball ist ECKIG : Durchblicker und Truthahnhälse

Norbert Thomma

Der legendäre Trainer Branco Zebec sagte mal auf die Frage, wie er das Spiel seiner Mannschaft einschätze: „Ich sah nur Beine, Beine, Beine.“ Das war zu einer Zeit, als Trainer auf der Bank Kette rauchten und zerknautschte Gesichter hatten. Seitdem hat sich im Fußball nahezu alles geändert, Tempo, Ernährung, System …, aus Lederschuhen mit Stahlkappe sind Hightech-Produkte geworden. Nur die Trainer überblicken das Spiel noch immer nicht. Ihre Perspektive von der Seitenlinie lässt räumliches Sehen nicht zu. Gus Hiddink sah sicher nicht klar, warum Kolodin patzte beim 1:0 vom Spanier Villa, ob das 4:1 Abseits war (ja) oder nicht.

Zuschauer im Fernsehen haben’s da besser. Bei dieser Europameisterschaft sind 26 Kameras im Stadion montiert, die häufigste Einstellung ist die Halbtotale von schräg oben, bei der sich das taktische Verhalten ganzer Mannschaftsteile wunderbar studieren lässt. Vor allem die Positionen hinterm Tor zeigen über die Länge des Feldes Spielverlagerung, Querpässe und Geschwindigkeit der Bälle. Einige Trainer lassen für die Halbzeitpause kleine Videos zusammenstellen, um mit Spielern über deren Fehler sprechen zu können; sie wollen ihre Beobachtungen „objektivieren“ (Volker Finke, derzeit Experte beim Schweizer Fernsehen). TV-Glotzer sehen besser.

Einziger Nachteil sind Nahaufnahmen in Zeitlupe. Fußballer lieben Tattoos, Maoris sind nichts dagegen (Torres’ linker Unterarm). Warum sagt kein Trainer: „Männer! Ihr seid voller Testosteron! Ihr haltet euch für unsterblich! Doch auch ihr werdet älter, die Schwäche des Bindegewebes und die Schwerkraft sorgen dafür, dass eure Haut faltig und krüsselig wie ein lappiger Truthahnhals herunterhängt. Wie werden eure japanischen Schriftzeichen und eure feuerspeienden Drachen an Trizeps und Unterarm dann aussehen? Wie krakelige, verwischte Graffiti an einer Berliner S-Bahn.“ Der TV-Ästhetik tät’s gut.Norbert Thomma

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