Der Ball ist ECKIG : Fuchs und Hase

Warum sich Fußball so gut eignet, die Gedanken schweifen zu lassen, und wie Moderatoren die Zuschauer zurück in die Vergangenheit holen.

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Das Schönste an so einer Fußball-WM ist, dass sie das Zeiterleben so herrlich durcheinanderbringt. Wie oft haben wir bisher 90 Minuten Langweiler-Fußball gesehen, und wie angenehm dehnte sich dabei die Zeit! Und wann haben wir uns, gestresste Arbeits-, Kommunikations- und Modernisierungssklaven, die wir sind, das letzte Mal so richtig gelangweilt? Gedanken schweifen lassen, die Leere eine Leere sein lassen, sich der Kontemplation hingeben – Partien wie Slowakei gegen Neuseeland oder Japan gegen Kamerun luden dazu richtiggehend ein.

Komplizierter wird es, wenn sich zu der Zeitdehnung eine Zeitverwirbelung gesellt und die Zeit rückwärts läuft. So wie bei den Spielen der Griechen mit ihrem Steinzeitfußball. Wenn dann noch ein Wolf-Dieter Poschmann kommentiert und ein Rolf Töpperwien ein Interview mit Otto Rehagel führt, ist es endgültig um die Gegenwart geschehen. Plötzlich werden wieder „Konter gefahren“, landen die Pässe wieder in der „Gasse“, gibt es wieder „Glanzparaden“. Und Rehagel ist wieder „Trainerfuchs“. Oder der „alte Hase“, den Töpperwien mit leuchtenden Kleiner-Junge-Augen befragt – und der selbst mit geschlossenen Augen über die fehlenden Glanzparaden seines Torwarts philosophiert.

So tief drin in der alten Zeit ist man froh, dass die WM auch viel Stress produziert und eines ordentlichen Zeitmanagements bedarf: Wie schaffe ich es, die Kinder zu waschen und ins Bett zu bringen und trotzdem keine Minute von Rudi Cerne und Klaus Allofs, von Mexiko gegen Frankreich zu verpassen? Ein Ding der Unmöglichkeit. Trost aber hatte es vorher schon von Poschmann gegeben, als er zwar nichts Zeitloses, so doch Historisches verkündete: der erste Sieg der Griechen bei einer WM! Und: die erste Mannschaft, die bei dieser WM ein Spiel nach einem Rückstand noch zu „drehen“ in der Lage war! Zeitdieb, was willst du mehr? Gerrit Bartels

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