Der Ball ist ECKIG : Klappe halten, Alter!

Weg mit der Lärmverschmutzung - die Medien-Kolumne zur Frauenfußball-WM.

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Es gibt eine kleine Erzählung von Heinrich Böll mit dem Titel „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“. Das Leben eines Rundfunkredakteurs wird da beschrieben, ein leicht verschrobener Mann, der im Studio Sendungen aufzeichnet und dann stumm rauchend mit einem Techniker die Bänder zusammenschneidet. Eines Tages kommt sein Chef ins Büro, zieht eine Keksdose aus dem Regal und fragt, um was für Bandschnipsel es sich in der Dose handele. Doktor Murke errötet, er ist ertappt. Dies seien, gesteht er, Reste, Sekunden und halbe Sekunden des Schweigens, Atmens und Räusperns von Sprechern. Diese Reste sammle er, klebe sie hintereinander und höre sich dann zu Hause dieses Schweigen an.

Es gibt kein Schweigen mehr, keine Ruhe, nirgends. Die Luftverschmutzung ist der Lärmverschmutzung gewichen. Musik im Supermarkt, Musik im Café, Musik auf Restauranttoiletten. Köche im Fernsehen reden mehr und schneller als Otto Waalkes in seiner quasseligsten Zeit. Schweigende Fußball-Reporter, die einfach mal Spiel und Stadionkulisse wirken lassen? Die nicht sagen „Einwurf Garefrekes“, weil doch jeder Zuschauer im Fernsehen sehen kann, dass Garefrekes einen Einwurf macht? Warum, zum Teufel, musste beim Spiel der Deutschen gegen Frankreich der ZDFler Norbert Galeske bei einem Eckball hysterisch krähen, nun müsse aber rasch die Viererkette sortiert werden, wo es doch bei Eckbällen keine Kette gibt, weder eine Viererkette noch eine Dreierkette? Weil er reden muss, zwanghaft getrieben, alle Reporter im Fernsehen plaudern und labern und emotionalisieren unablässig, atemlos, pausenlos. Doktor Murke hätte da nichts zu sammeln. Das ist ein großer Grund, warum es im Stadion so schön ist. Man ist unter Zehntausenden und doch mit sich allein, seiner Einschätzung vom Spiel, seinen Hoffnungen, dem Jubel und dem Raunen der Fans. Es ist die Freiheit vor der verbalen TV-Belästigung. Norbert Thomma

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