Der Ball ist ECKIG : Mit dem Auge der Kamera

Schwenken, Zoomen, in Slow-Motion und als Re-Play. In den nächsten vier Wochen sind die WM-Kameras unsere Augen für die Fußball-Welt.

Bernd Gäbler

Immer schaue er auf den Ball, so erklärte Oliver Kahn einst seine Konzentration. Schon daran sehe man, dass sein Konkurrent eben nie ein kompletter Torwart gewesen sei, spottete Jens Lehmann. Wichtiger als stets den Ball im Blick zu haben, sei es, die Ordnung des Spiels zu verstehen. Wir Fernsehfußballer wollen beides: Mitfiebern und Verstehen, Großaufnahme und Distanz, den Fußball erleben und den Überblick behalten.

Unser Auge ist für die nächsten vier Wochen die Kamera. Schwenken und zoomen kann unser Sehapparat auch, jetzt aber werden die Bilder aus bis zu vierzig unterschiedlichen Positionen aufgenommen und von der Regie zu einem lebendigen Gesamtbild gefügt. Im Idealfall taktet sie sich ein in das Spiel, trifft Rhythmus und „Flow“ des Geschehens. Aber Kamera und Regie erzeugen auch die kleinen Lügen, die uns bewusst bleiben sollten. Die simple: beim Foul sieht in Zeitlupe der Tritt immer etwas harmloser aus, der verdrehte Fuß noch schrecklicher. Die schöne: anders als im Leben gibt es Wiederholungen. Die Kamera kann viel näher heran als das Auge. Die Regie kann ein Spiel auch künstlich dynamisieren, die Stars noch schneller und größer erscheinen lassen als sie ohnehin sind. Der reale Fußball aber ist nicht immer Hollywood.

Durch den Bildausschnitt können wir den Überblick verlieren. Im Stadion sieht Barcelona, wenn die Mannschaft sehr überlegen ist, aus wie ein beweglicher Organismus. Im Fernsehen selten. Da ist die einzelne Aktion, das Dribbling von Messi, wichtiger. Dafür gibt es jetzt viel mehr „Analyse-Tools“. Sie alle basieren darauf, Bewegung jeweils in Momente der Statik zu zerlegen. Das fördert die Illusion, das Spiel sei berechenbar. Im Gegenteil liegt sein Reiz. Er verbindet uns vor dem Fernseher mit den Menschen im Stadion: Ob wir auf den Ball starren oder auf den Bildschirm, wir kehren dem Alltag den Rücken zu. Bernd Gäbler

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