Der Ball ist ECKIG : Mit Maß vors Mikrofon

Zum Wunder der Nationalelf gehört nicht nur, dass die Spieler sportlich alle Erwartungen übertreffen - sondern gleichzeitig schaffen es Schweinsteiger & Co, den banalen Wünschen vieler Medien zu widerstehen.

Bernd Gäbler

„Beim 4:0 war mir gut ums Herz“, sagte nach dem Spiel die eigens nach Kapstadt gereiste Bundeskanzlerin Angela Merkel zu ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz, und: „ein einfacher Traum“, was bedeuten sollte: „einfach ein Traum.“ Nie zuvor hat sie vor so viel Publikum einen so treffenden Satz gesagt.

Und die Spieler selbst? Zunächst haben sie einen technisch und taktisch so hervorragenden Fußball gespielt, wie wir ihn von einer deutschen Nationalmannschaft kaum erwartet hatten. Das Ergebnis ist sensationell – in der Höhe und noch mehr in der Art und Weise, wie die Mannschaft es zustande brachte. Traten die Spieler danach nun siegestrunken, rauschhaft, beseelt, womöglich überheblich vor Kameras und Mikrofone? Brüllten sie ihre Erleichterung und Siegesgewissheit heraus?

Mitnichten. Thomas Müller lobt die Mannschaft; Miroslav Klose will nicht mit Gerd Müller gleichgesetzt werden; Philipp Lahm sagt zwar „unglaublich“, aber will „von Spiel zu Spiel schauen“; „wir bleiben fokussiert“, betont Arne Friedrich. „Man will immer mehr“, sagt Bastian Schweinsteiger, und auch, dass er Spanien für „die beste Mannschaft“ hält. Alle Spieler verhalten sich sympathisch, menschlich, aber sie halten Maß, bleiben gefasst. Für die feierwütigen Medienleute ist das zu wenig, ja beängstigend professionell. Besonders ZDF-Experte Oliver Kahn lässt solche Besonnenheit keine Ruhe: „Ja, wir wollen Weltmeister werden! Das sollten sie jetzt auch klar formulieren,“ fordert er mehrmals energisch. Doch zum Wunder dieser Mannschaft gehört, dass die Spieler sportlich alle Erwartungen übertreffen, während sie gleichzeitig den banalen Wünschen vieler Medien widerstehen.

Das ZDF schaltet deshalb ein ums andere Mal zu Fans („Berlin ist außer Rand und Band“), die sich exakt so benehmen, wie die Medienleute es von ihnen erwarten: nicht einfach begeistert oder dankbar sind, sondern unbedingt besinnungslos brüllen.Bernd Gäbler

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