Der Ball ist eckig : Nazi-Alarm, abgesagt

Die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein ist sprachlich schwer entgleist, als sie beim WM-Torschützen Miroslav Klose nach dessen Tor auf "inneren Reichsparteitag" erkannte. Für den handelsüblichen Nazi-Alarm reicht das nicht.

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Mehr kann keiner von einem WM-Auftakt verlangen. Die deutsche Elf siegt sehr überzeugend 4:0 gegen Australien, knapp 28 Millionen Zuschauer schalten die TV-Übertragung ein, und die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein langt in der Halbzeitpause mit Blick auf den Torschützen Miroslav Klose richtig hin: „Und für Miroslav Klose: ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft.“ Ergänzung vom Experten Oliver Kahn: „Ja, das ist für ihn eine Erlösung.“

Der KMH-Spruch und die Aufregung paralysieren derart, dass – geht es Ihnen auch so? – bei der Kahn-Replik statt „Erlösung“ schon „Endlösung“ mitgehört und mitgelesen wird.

Wie viel Nazi-Skandal wollen wir jetzt? Wer ganz viel davon möchte, der kann eine direkte Linie von Katrin Müller-Hohenstein zu Eva Herman und dann zu Eva Braun ziehen. Braune Heroinen und Heroen, wohin das antifaschistische Auge fällt. Wehen deutsche Fahnen, steht die Reichskriegsflagge unsichtbar im Wind.

Der Ausdruck „innerer Reichsparteitag“ wird vom ZDF als „Entgleisung“ bedauert und zugleich als „Umgangssprache“ gedeutet. Sprache ist verräterisch, tückisch, sie sagt, wenn sie ernst zu nehmen ist, Signifikantes über den aus, der sie verwendet. Sprache macht nicht frei, sie bindet. Das wird kaum jemand besser wissen als Müller-Hohenstein, wenn sie über Stunden live im Fernsehen und damit im größtmöglichen Aufmerksamkeitsradius moderiert. Millionen lesen von ihren Lippen.

Zurücktreten muss die 44-jährige Journalistin nicht, dafür auf dem Schirm beweisen, dass ihr „innerer Reichsparteitag“ mehr als nur öffentlich fahrlässig war. Katrin Müller-Hohenstein steht vor einer schweren WM, jedes Wort fällt auf die Goldwaage. Jetzt muss ihr Counterpart Oliver Kahn aufpassen und alles Verdächtige abfangen. Ein blonder Torhüter als Sprachhüter. Joachim Huber

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