DER BALL  ist eckig : Teil einer Volksbewegung

Weil überall Fernseher stehen und Leinwände aufgehängt, ist öffentliches Gucken ohne Rudelgucken möglich. Das schafft Konzentration und Ablenkung. Wenn da nicht Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein wären.

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Wer sich wirklich für Fußball interessiert, kennt das Problem: allein schaut es sich am besten, konzentriertesten, unkompliziertesten. Aber ein Stoffel will man auch nicht sein. Mit Freunden schauen ist sozialer, und besser fachsimpeln lässt sich allemal. Selbst wenn dann manches Tor in seiner Entstehung nicht immer live nachvollzogen wird.

Dass große Fußballturniere ein großes Volksvergnügen geworden sind und Public Viewing der neue Volkssport, erweist sich inzwischen für den wahren Fußballfan als Vorteil: Er kann weitgehend in Ruhe gucken, insbesondere in Kreuzberg. Ein großer Vergnügungspark ist das ehemalige SO 36 ja schon länger. Dieser Tage ist der Bezirk dazu noch ein großer Fußballfernsehpark. In jeder Imbissbude, jedem Internetladen, jedem Restaurant und jeder Bar stehen große Fernseher oder sind gleich Leinwände aufgespannt, und da fällt es nicht schwer, einen Laden aufzutun, in dem nicht so viele Leute sitzen. Das schafft Konzentration – und trotzdem Ablenkung, wo Ablenkung nottut. Nämlich bei den ewig langen, ewig überflüssigen Nachbetrachtungen, beim Plausch von Katrin Müller-Hohenstein (am Dienstag im geschlossenen Silber-Jäckchen) und Oliver Kahn (im geschlossenen Achtziger-Jahre-Outfit: braune Lederjacke, hellblaue Jeans, hellbraune Sommerschühchen).

Höhepunkt dieser Nachbetrachtungen: Die Live-Schaltung auf die Berliner Fanmeile. Was erwartet man: jubelnde Menschen in Schwarz-Rot-Gold, gute Stimmung. Was sieht man: jubelnde Menschen in Schwarz-Rot-Gold. Was kommentiert Müller-Hohenstein: Die Stimmung ist gut. Sinn dieser Live-Schaltung: dem Stoffel zu Hause oder dem konzentrierten Fußballgucker in der Kreuzberger Bar zu demonstrieren, dass er Teil einer Volksbewegung ist. Ob er nun will oder nicht. Gerrit Bartels

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